Wenn je ein Gedanke mit seiner Logik bezwang, so war es dieser. Ich weiß selbst noch genau, wie er mich absolut sieghaft gefangennahm, als ich ihn zum ersten Male las. Es gab keine Widerrede. Für einen so geistvollen und eminent kenntnisreichen Kopf wie Virchow ist er damals entscheidend für seine ganze Stellungnahme zu diesen Fragen bis an sein Lebensende geworden. Er schien berufen, pädagogisch eine wahre Warnungstafel zu werden, wie heillos vorsichtig man beim Gehen auf diesem schwankenden Staub und Schnee der Vorwelt sein müsse. Nach solchem Fiasko an der eklatantesten Stelle mußte man auch alle anderen angeblichen Beweise für das Zusammenleben von Mensch und Mammut mit neuen und zwar mit sehr, sehr kühlen Augen ansehen. Virchow kam mit solchen Augen zu dem festen Schluß, daß es trotz aller Rederei und Flunkerei bisher keinen diluvialen »Mammutmenschen« gebe, sowenig wie einen tertiären Affenmenschen.

Die Franzosen besaßen allerdings damals längst in einer ihrer Sammlungen ein vielbewundertes Stück Mammutelfenbein – gefunden im Vézèretal in der Dordogne, wo das wahre Pompeji diluvialer Kultur und Kunst ist – mit einem wohl erkennbar eingravierten Bilde eines Mammut darauf. Das mußte jetzt eine »Fälschung« sein. Wenn einige tüchtigste deutsche Forscher, die damals aburteilten, dort Direktor gewesen wären, wer weiß, in was für einer Müllgrube das unschätzbare Stück verschwunden wäre. Wer aber ja noch so leichtgläubig sein wollte, es für echt zu halten, der mußte sich sagen lassen, daß es selbst dann nichts beweise; denn wenn die Steinzeitmenschen noch Eiskadaver mit erhaltenen Rüsseln und Mähnen aufgefunden hatten, so mochten sie danach auch ein echtes behaartes Elefantenbild, wie es jene Platte wies, konstruiert haben, ohne doch je ein lebendes Mammut gesehen zu haben; auch dieser Schluß hat mir selber lange imponiert.

Das unschätzbare Stück …! Denn das ist schließlich doch der Witz und die wahre Nutzanwendung der ganzen Geschichte geworden, daß der alte Steenstrup sich trotz- und alledem gründlich verhauen hatte.

Seine Idee stand und fiel mit der einen Möglichkeit, daß jene Steinzeitler zu ihrer Zeit in Mähren mit uralten, in undenklichen Zeitfernen rückwärts niemals aufgetauten Eismassen und Gefrierböden in Berührung kommen konnten. Die nähere geologische Untersuchung der Stelle hat diese Möglichkeit aber rund verneint. Predmost ist überhaupt niemals in der Diluvialzeit derartig vereist gewesen, konnte also auch keine Mammute konservieren.

Die Menschen jener Tage lebten nicht auf Dauereisboden, sondern in weiten Grassteppen, wie sie für große Landgebiete und Zeitperioden der langen Diluvialzeit vielfach in Mitteleuropa charakteristisch gewesen sind, Steppen, durch die die Saigaantilope streifte wie heute noch im südöstlichen Rußland. Ihrer Kultur und ihrem Körperbau nach gehörten diese Predmoster Jäger wahrscheinlich zu jenem diluvialen Volk, das man heute nach dem Fundort Solutré bei Lyon benennt; die Solutréenser waren in Frankreich besonders eifrige Jäger auf die zahllosen, auch für die Grassteppe charakteristischen Herden von Wildpferden, wie sie ähnlich heute die Wüste Gobi bewohnen. Man schiebt gegenwärtig diese Solutréenser zeitlich ziemlich weit in die Diluvialzeit hinein und läßt sie wesentlich älter sein als die sogenannten Magdalenier, die das hauptsächlichste Volk jener französischen Kunsthöhlen im Vézèretal gewesen sind. Nun wissen wir aber, seit wir diesen Volksanschluß ungefähr haben, aus zahlreichen anderen Funden, daß in die Jagdsteppe der Solutréenser tatsächlich auch das Mammut noch allenthalben lebend gekommen ist. Ein Nichtzusammentreffen mit dem Menschen, dem jagdfrohen von damals, müßte also geradezu ein Wunder gewesen sein!

Und so ergibt sich der alte Schluß für Predmost diesmal als die selbstverständlichste Folgerung: auch in dieser mährischen Steppe müssen die Mammute besonders zahlreich gewesen sein, und speziell in Predmost haben die mährischen Solutréenser besondere Jagdtriumphe über das Riesenvolk gefeiert.

Damit aber werden auch alle weiteren Schlüsse wieder hinfällig.

Jenes von der Hand eines Diluvialmenschen gezeichnete Mammutbild kann echt und noch nach dem lebenden Original gezeichnet sein. Es ist von einem Magdalenier gefertigt, also von einem Diluvialmenschem dessen Volk, wie gesagt, erst einer späteren Epoche der Diluvialzeit als die Solutréenser angehört. Es beweist also nur, daß das Mammut über die Predmoster Tage fort noch lange in Europa hinaus weitergelebt haben muß. Inzwischen zweifelt aber an der vollwiegenden Echtheit dieses schönen Fundstücks auch deshalb längst kein Mensch mehr, weil man in den Höhlen des Vézèretales seither die prachtvollsten magdalenischen Malereien entdeckt hat, die zahlreiche Mammute in den lebendigsten Stellungen mitten unter den anderen zweifellosen Jagdtieren von damals darstellen. Da hört jeder Gedanke wie an Fälschung, so auch an Rekonstruktion nach Eisfleisch auf!

Gerade an dieser Stelle aber hat die Geschichte neuerlich nun noch eine besondere Krönung erfahren, die erst den ganz würdigen Schluß gibt.