Einerlei, wer nun gerade hier gestürmt hat: an Güte oder Bruch solchen Tors hing einmal das Schicksal dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen schlugen dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten, wenn es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und ihr Tor muß also gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt fand Schliemann die scharfkantigen Trümmerteile vom Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten Tieres, einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch solche kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie verteidigen muß. Und wie man an alten Burgtoren noch die unten offenen »Pechnasen« sieht, aus denen siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde, so überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren Gegner mit einem scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor. Er hat aber die Eigenschaft, am Lichte trocknend in herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen heute noch spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie lag, der diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk im alten Byzanz sogar einmal den offiziellen Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken« eingetragen hat.

Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen, der pompöse Name, und wenn diese Purpurkinder in ihrer schwachen Burg überhaupt ein Bild des Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines großen Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor will oder ihre ganze Burg schleifen will – wert aller Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte aber nicht nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner Art. Es hat in äußerst kunstvoller Weise, durchaus voraufeilend der Menschentechnik, an seine Burgen auch schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte Festungstore, hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie die Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern oder Bestehen auch ihm Glück oder Tod bedeutete. Den Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum Menschenwerk finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch etwas vertiefen – das aber können wir leicht.

Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine Burg, insofern es den weichen Körper hinter einer Art Zementmauer aus kohlensaurem Kalk einmauert bis auf die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein persönlichen Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner Mauerpanzer, der immer am Leibe mit herumgetragen wird.

Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik der Natur nicht überall stehen.

Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst aus antikem Schutt in Syrakus ein solcher Harnisch einer Purpurschnecke in die Hand fiel. Ordentlich gespenstisch hauchte es wie noch umgehendes Altertum daraus an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche lange äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen dieser kleinen Burg, wie ich sie im großen eben an der Menschenburg von Syrakus gesehen. Im Leben des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf. Gerade das aber erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht direkt molluskenhaftes, aber auf ähnlicher Mittelstufe stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das auch in ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen ganzen Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht überzogen hatte: den Seeigel.

Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten Gestalt am Seestrande begegnet, so erscheint er als das wahre Ideal eines uneinnehmbaren kleinen Forts. Es zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der Schneckenburg, sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre Fort in eine Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln. Der Stacheldraht selber ist bisweilen vergiftet, und zwischen seinen Spitzen sitzen perfide Greifzangen, die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen der feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister Archimedes Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel ist selber meist ein Räuber, und man ahnt nicht, was seinem so verbarrikadierten Raubnest gefährlich werden könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt und daß sie danach streben, es noch einmal unter den Schutz einer größeren Befestigungslinie zu stellen.

Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten unterseeischen Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen gehen, die sich in Höhlen bargen. Diese Urmenschen suchten sich die natürlichen Höhlen ihres Landes aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein buchstäblich anfressen, aufnagen mit den allerdings auch stahlharten Zähnen ihres mächtigen Kauapparats, den man die »Laterne des Aristoteles« nennt. Doflein, unserer prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer, hat sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit gefunden, den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen Gesteinssplittern dieses ungeheuerlichen Mahls. Ist das verwegene Werk aber geglückt, der Fels tunnelartig geöffnet, so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst als zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein. Wer aber sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu solcher Doppelverwahrung zwingen könnten?

Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten Waffe der ganzen Natur.

Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück. In der gangbaren Meinung ist Schnecke wie Muschel das harmloseste, hilfloseste Wesen, das weder Mensch noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß, Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle, sei vom Bohrwurm (in Wahrheit einer Bohrmuschel) bedroht, konnte man mindestens im ersten Punkte doch stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber nicht bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart Höhlen in den härtesten Stein. Berühmt sind die antiken Säulen von Pozzuoli bei Neapel, die vermutlich einst aus einem Fischbassin ragten und damals an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert worden sind. In der Regel wird auch hier einfach mechanisch geraspelt. Wo aber reiner Kalkstein beliebt, da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf.