Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und das wärmende Mäntelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie zur Abkühlung noch ein wenig durch den Saal zu führen. "Sie haben mit ihm getanzt, Töchterchen?"—"Ja," antwortete sie, "und wie der tanzt, können Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so schwebend!"—"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat lächelnd. "Was werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie über einem Landfremden so ganz und gar vergessen?"—"Nun, die können sich wenigstens über das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was man interessant nennt?"—"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein," antwortete der neckische Alte.—"Nein, spaßen Sie jetzt nicht! Ist nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man nicht recht erklären kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich. "Wahrhaftig, Sie können recht haben, Mädchen," sagte er; "habe ich doch den ganzen Abend darüber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen gar nicht aus dem Sinne bringen kann."
"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so plötzlich mit dem alten Diener hinging?"—"Das ist es eben!" sagte jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt über eine Stunde aus, kommt wieder—und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Münster!!"
"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen
Gliedern zitternd.
"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiß es gewiß; aber reinen Mund gehalten,
Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur."
Der Wagen war vorgefahren; der Präsident kam in einer Weinlaune. "Hofrätchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein könntest, wollte ich dir Ida kuppeln!"
"Hätte ich das doch vor dem Ball gewußt!" jammerte der Hofrat; "aber da gab es allerlei interessante Leute usw." Errötend sprang Ida in den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa auf dem Heimweg Mühe, zu erfahren, was jener gemeint habe. Trotzköpfchen hätte mögen laut lachen über die Bitten des alten Herrn; es biß die scharfen Perlenzähne in die Purpurlippen, daß auch kein Wörtchen heraus konnte.
Nicht mehr so fröhlich als in früheren Tagen und dennoch glücklicher, legte Ida das Lockenköpfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fußende des Bettes, und auch die dünne Seidenhülle, die jetzt noch übrig war, mußte immer weiter hinabgeschoben werden, daß die wogende, entfesselte Schwanenbrust Luft bekam.
Aber wie, ein Geräusch von der Türe her? Die Türe geht auf, im matten Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht; sein dunkles, wehmütiges Auge fesselt sie so, daß sie kein Glied zu rühren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhüllen; sie will zürnen über den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr. Aufgelöst in jungfräuliche Scham und Sehnsucht, drückt sie die Augen zu; er naht, weiche Flötentöne erwachen und wogen um ihr Ohr, er kniet nieder an ihrem bräutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme," flüstert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle, wehmütige Gesicht über sie hin, heiße Tränen stürzen aus seinem glühenden Auge herab auf ihre Wangen, er wölbt den würzigen Mund—er will sie kü—
Sie erwachte, sie fühlte, daß ihre eigenen heftigströmenden Tränen sie aus dem schönen Traume erweckt hatten.
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