"Wer war froher als ich über dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu groß, bald zu klein, wie es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut. Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn Tagen hat er gar nicht mehr gewütet, sondern nur geweint."

Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine Erzählung beendigt. Berner konnte kaum seine Rührung zurückhalten. Es wollte ihm das Herz abdrücken, daß ein Mensch, so schön, mit allen Gaben des Glückes so reichlich versehen, mit einem Schlage in so namenloses Unglück stürzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen; aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel schon versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm behilflich sein könnte bei dieser Sache.

Der alte Brktzwisl lächelte geheimnisvoll vor sich hin und begann dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat können als Arzt dabei dienen. Vor allem muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht gesehen hätte. Einem alten Diener, der nur für das Wohl seines Herrn besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, daß ich jeden berühmten Arzt um Rat fragen konnte. Überall, wohin wir kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die Ärzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung.

"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht hätte, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich Vertrauen zu ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen. Den andern Tag sagte er zu mir: 'Höre, Alter! Dein Herr ist unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme Liebe zu einem Mädchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine recht gefaßt, so ist es unzweifelhaft, daß sein Wahnsinn sich zerstreut und nach und nach vergeht.'

"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich wußte, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an keinen Ort, wo schöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem alten Herrn Onkel.

"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen hieher ins ——sche gehen.

"Hier in Freilingen geschah nun, was ich für meine Seele nicht für möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr auf dem Ball, daß ich ihn sogar abrufen mußte; nach der Kirche geht er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir solle Hören und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich so verwundere, und gab vor, daß ihm die Kirche so wohl gefallen habe. Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde ich in dem Haus drüben einen Engel gewahr, der so holdselig herüberlächelte, daß mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses Fräulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus gegenüber.

"Und das ist niemand als die wunderschöne Fräulein Ida. Meinen Sie, mein Herr sei früher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele, obgleich ich für jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte; aber ich will die Tasse Tee mit Löffel und Stiel aufessen, die er seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus hinüberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinüber.

"Seit der Zeit läßt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine Freude, als ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der Stelle mein Hab und Gut geschenkt hätte; dem Engelsfräulein aber, das dies Wunder bewirkte, möchte ich, so oft ich es sehe, vor purer Freude zu Füßen fallen.

"Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte, ach, da wäre ihm geholfen, so gewiß ich selig werden will! Und wenn sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen Sie ihn nur ein wenig lächeln wie früher, lassen Sie ihn erst einmal wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er anhat,—da muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn sie einen Marbelstein in der Brust hätte statt eines Herzens. Über das Vermögen will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Güter Ratitzka, Martinizow, da ist Flazizhof, da—"