"Können Sie zürnen, mein Fräulein," hub er an, "daß ich zu so ungelegener Zeit"—er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten—keine Antwort.

"Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich hätte mir gewiß nicht die Freiheit"—noch keine Antwort.

"Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt; zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel früher als andere; möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls vergelten, die mir so unendlich wohltun"—keine Antwort, nur Perlchen um Perlchen drängt sich über den feinen Rand der Wimpern.

"Sie zürnen mir also dennoch," fuhr Martiniz trübe lächelnd fort; "das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida hielt ihn fest.

"Herr Graf!" flüsterte sie leise bittend—

"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu sagen?"

"Martiniz!" flüsterte sie wieder.

"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht mehr die freundliche, tröstende Ida wie früher?"

"Emil!" hauchte sie kaum hörbar; aber in diesem einzigen Wörtchen lag ein so süßer Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand; doch er faßte sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr sagen, warum er so trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde sie ihn entschuldigen.

Er erzählte ihr die Geschichte seines unglücklichen Hauses, wie sie der alte Brktzwisl dem Hofrat erzählt hatte; aber den schrecklichen Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu gestehen wagte, bestätigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtsein und dem Gebrauch seiner Verstandeskräfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die ganze Erde so öde geschienen, daß er seiner Mutter und Schwester die selige Ruhe im Grabe gegönnt, ja beneidet habe; besonders seine Schwester habe er glücklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne, den sie liebte—wie hätte sie ferner glücklich leben können?