Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine Erscheinung wie aus Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen aus der Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch mit einer Würde, einer Höhe jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe sie der Gaben schönste aufbewahrt—ach! da gewahrte ich, daß schon ein anderer diesen Kranz zerpflückt—"
"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwürdige Theresienritter; "dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe, herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!"
"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn recht vis-à-vis zu haben—"
"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so schamlos zur Schau."
"Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin—"
"Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich habe sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich recht hatte."
So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiß alles, und ist alles gut, wenn nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!"
* * * * *
DER RITTMEISTER.
Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glück der Menschen hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war, stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er die schlechte Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man sehe und höre doch manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide dienen könne;—sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond gebeten.