Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, in dem ein kaum bemerkbares Lächeln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und einen Stuhl zu seiner Seite. Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte. Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank.

Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu:
"Ich fürchte, es steht schlimm!"

"Habt Ihr Nachricht?" fragte Georg ebenso heimlich.

"Ein Bauer sagte mir heute früh, gestern abend hätten die Tübinger mit dem Bund gehandelt."

"Gott im Himmel!" rief Georg unwillkürlich aus.

"Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu früh erfahren", entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.

Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jähen Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Sims gestützt, er schlummerte. Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen und ließ ein abgetragenes unscheinbares Lederkoller sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein krauses Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des gerollten Bartes quollen unter der Hand, in die er den Kopf gestützt hatte, hervor.

Zu seinen Füßen lag sein großer Hund. Er hatte seinen Kopf auf den
Fuß seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem
Haupt des Geächteten.

"Er schläft", sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in den Augen "Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit einem wohltätigen Schleier. Er atmet leicht. Oh daß es beruhigende Träume wären, die ihm vorschweben! Die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht wünschen, daß er sie im Traum vergißt!"

"Es ist ein hartes Schicksal!" erwiderte Georg, indem er wehmütig auf den Schlafenden blickte. "Vertrieben von Haus und Hof, geächtet, in die Wüste hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart! Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach seinen Gütern gelüstete."