"Oh, Tübingen!" sagte der Herzog mit Seufzen, "wie töricht war ich, daß ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe ich um dich; was sage ich, zwei Finger? Die Rechte ließe ich mir abhauen; könnte ich dich damit erkaufen! Und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?"
"Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht recht zu wissen, was sie tun sollten. Hewen aber ermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion, ich käme schon zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollten sich der Fehde mit dem Bund begeben und den Herzog solche allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollten sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs Ungewisse wollten sie den Krieg nicht fortführen; denn ihre Burgen und Güter würden so lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den Bund dienten. Ich verlange nun; sie sollten mich hinaufführen in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Männer da seien, das Schloß zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu hielte, die Nippenburg, die Gültlingen die Ow, die beiden Berlichingen; die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach, Wölwart, Kaltental, der von Hewen aber schüttelte den Kopf und sagte, ich hätte mich in manchem geirrt."
"Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast Du sie nicht gesehen?"
"Oh ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken Euern Wein. Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten; die zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl für sich und auch den größten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampf, und es bleibe ihnen als den Geringeren; nichts übrig, als zu sterben. So gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwänden, so wollten sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen werden. Da blieb mir nichts übrig, als sie zu bitten, sie möchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten Töchterleins annehmen und ihnen das Schloß bei der Übergabe erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achseln, ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf demselben Weg aus der Burg, wie ich gekommen war."
"Herrgott im Himmel! Hätte ich dies für möglich gehalten!" rief Lichtenstein "Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch in späten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen und wie sie ihr Fürstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: 'Treu und ehrlich wie ein Württemberger', ist zum Hohn geworden!"
"Wohl konnte man einst sagen, 'treu wie ein Württemberger'", sprach Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen Bart. "Als mein Ahnherr Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfürsten, Grafen und Herren zu Tisch saß, da sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer Länder. Der eine rühmte seinen Wein; der andere sprach von seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. 'Von Euren Schätzen weiß ich nichts aufzuweisen', sagte er, 'doch gehe ich abends durch den dunkelsten Wald und komm' ich nachts durch die Berge und bin müd und matt, so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.' Des wunderten sich alle und staunten und riefen. 'Graf Eberhard hat recht', und ließen treue Württemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich meine Treuen in die Burgen kaum wende ich den Rücken; so handeln sie mit dem Feind. Die Treue soll der Kuckuck holen;—doch fahre fort, gib mir den Kelch bis auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen"
"Nun; daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis ich wegen der Übergabe Gewißheit bekäme. Gestern, am Ostermontag, sind sie zusammengekommen; sie haben die Pakte schriftlich aufgesetzt und nachher durch den Herold auf den Straßen ausrufen lassen; um fünf Uhr abends haben sie das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich entsetzt. Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Obervormundschaft, und in das übrige, heißt es, werden sich die Herren teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber, so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie so groß wie in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah."
So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner
Erzählung völlig heraufgekommen auch an den äußersten Bergen war der
Nebel gefallen, und was um die fernen Höhlen von Asperg zog, war ein
Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die
Gegenden, über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Licht
durchschimmern ließ.
Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war; verschloß der Herzog einen großen Schmerz in der tapferen Brust.
Ein Gefühl der Reue war es, das drückend auf der Brust Ulrichs von Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig für ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewühl eines prächtigen Hofes und betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglück allein, was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten Landes.