Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten
über den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und
lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere
Blicke auf die Gesellschaft; man war ungewiß, ob er den Beifall des
Zerlumpten beneidete oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte.
Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des
Liedes mit und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.—Der
Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort:
"Den Saymer von Kempten ich Euch meld'
Und Holzhauer von dem Herdtfeldt.
Und andere, die ich nicht nennen will,
Der Haufen ist groß und wird gar zuviel.
Und auch der ist in dem Strauß,
Der richt' alles mit Ungeld aus,
Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind,
Des reichen Barchetwebers Kind."
"Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr, Ihr Lumpenhund!" fuhr der lange Mann auf, als er die letzten Worte hörte. "Ich weiß wohl, wen Ihr mit dem Barchetweber meint, meinen gnädigen Gönner, den Herrn von Fugger. Den soll mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?" Er begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit schrecklicher Gebärde.
Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern; er stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte: "Den Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr Calmus, man weiß wohl, wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Rührlöffelarme vom Leib schlagen."
Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, daß er in so gemeine
Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen
Schrittes aus der Trinkstube.
Kapitel 18
Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gäste erstaunt einander an, es war ihnen, als hätten sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als ob die Erde bersten wolle, ja, als wäre ein erschrecklicher, tötender Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur ein "kalter Schlag". Dem Mann mit dem Lederrücken dankten sie, daß er den ungezogenen übermütigen Gast so schnell entfernt habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden wisse?
"Den kenne ich wohl", antwortete dieser, "das ist unseres Herrgotts Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Mädchen von dicken Hälsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt, daß sie blind werden. Er heißt eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heißt er sich Doktor Calmus. Er nistet sich bei allen großen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel geheißen hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund."
"Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen", bemerkte der schlaue
Herr, "denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft."