Ihr warft mich aus den eignen Toren,
Doch einmal klopf' ich wieder an,
Drum Mut! Noch ist nicht all verloren,
Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann.
Ich wanke nicht; ich will es tragen;
Und ob mein Herz darüber bricht,
So sollen meine Feinde sagen,
Er war ein Mann und wankte nicht."

Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden Tönen seines Liedes nachsandte, ließ ahnen, daß er im Gesang nicht viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Mann von Hardt war während des Liedes eine große Träne über die gebräunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung wiederzuerhalten und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirn und ein ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen hinan, der zu der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich, daß er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit einem tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte die Hälfte des Felsens wieder herab und ließ sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand erklimmen, was ihm ohne diese Hilfe schwerlich gelungen wäre. Er war oben und wenige Schritte noch, so stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.

Kapitel 20

Der Teil jener großen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern durch seine Trockenheit. Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf die Breite und den größten Teil der Länge dieser Grotte. Gegenüber saß jener Mann auf einem breiten Bärenfell, neben ihm stand sein Schwert und ein Hüfthorn; ein alter Hut und der graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem blauem Tuch; ein unscheinbarer Anzug, der aber seinen kräftigen Körperbau und seine feinen, edlen Züge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr vierunddreißig Jahre alt sein, und sein Gesicht war noch immer hübsch und angenehm zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von Gefahren und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte still stand.

"Willkommen in meinem Palast, Georg von Sturmfeder!" rief der
Bewohner der Höhle, indem er sich von dem Bärenfell aufrichtete, dem
Jüngling die Hand bot und ihm winkte, auf einen ebenso kunstlosen
Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. "Seid herzlich willkommen.
Es war kein übler Einfall Unseres Spiel-manns, Euch in diese
Unterwelt herabzuführen und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu
bringen. Hans! Du treue Seele, Du warst bisher Unser Majordomus,
Truchseß und Kanzler, Wir ernennen Dich jetzt zu Unserem
Kellermeister und Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener Säule muß
ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet.
Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das
Wir jetzt führen, gieß ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn
Unserem ehrenwerten Gast."

Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann Er hatte nach dem Schicksal, das ihn betroffen nach seinen unwirtlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klagegesang, den er gehört hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde. Und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm überfallen und genötigt, eine kleine Weile in dieser Höhle Schutz gegen das Wetter zu suchen.

"Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast", sagte der Ritter, als
Georg bald ihn, bald seine Umgebung mit verwunderten Blicken maß.
"Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch etwas vorjammern werde?
Aber über was soll ich klagen? Mein Unglück kann in diesem
Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, daß man heitere Miene
zum bösen Spiel mache. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie
Fürsten selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten
Säle meines Palastes? Glänzen nicht ihre Wände wie Silber? Wölben
die Decken sich nicht wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt?
Werden sie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen
und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hans, mein
Obermundschenk, mit dem Wein. Sprich, mein Getreuer! Ist das all
Unser Getränke, was in diesem Becher ist?"

"Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung", sprach der Pfeifer, der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon vertraut war, "aber auch ein Restchen Wein das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im Krug und—nun, wir haben ja heute einen Gast und können schon etwas draufgehen lassen—ich will es nur gestehen ich habe heute nacht einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem anderen."

"Das hast Du wohl gemacht", rief der geächtete Ritter, und ein Strahl der Freude drang aus seinem glänzenden Auge. "Glaubt nicht, Herr Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen Becher rundgehen zu lassen. Pflanze die Krüge nur hier auf, werter Kellermeister, Wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glückes. Ich bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!"

Georg dankte und trank. "Ich sollte die Ehre erwidern", sagte er, "und doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! Mögt Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Väter einziehen, möge Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen— es lebe!" Georg hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben den Becher ansetzen als das Geräusch vieler Stimmen, vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich "Es lebe! lebe!" riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. "Was ist das?" sagte er. "Sind wir nicht allein?"