"Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, Du habest einen
Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die
Burg."

Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit zu lachen, kämpften in ihren schönen Zügen. "Nun, ich hoffe", sagte sie, "Du hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, Du könntest unser Schloß noch erreichen und hier übernachten?"

"Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Sieh, ich war noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber Deine Amme, die alte Frau Rosel, wurde angeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst mit ins Spiel gebracht und bedauert, daß ich um meine Liebe betrogen sei, da—oh sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht böse! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf, um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben."

"Das konntest Du glauben?" rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren Augen "Daß Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib, klatscht gerne. Daß die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht übel, denn sie weiß nichts Besseres zu tun. Aber Du, Du, Georg, konntest nur einen Augenblick so arge Lügen glauben, Du wolltest Dich über-zeugen daß—" Von neuem strömten ihre Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre Stimme.

Georg zürnte selbst, daß er so töricht hatte sein können, aber er fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. "Verzeihe mir nur diesmal", bat er. "Sieh, wenn ich Dich nicht so liebgehabt hätte, ich hätte gewiß nicht geglaubt. Aber wenn Du wüßtest, was Eifersucht ist!"

"Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein", sagte Marie unmutig, "Aber schon in Ulm hast Du etwas der Art gesagt, und schon damals hat es mich recht tief betrübt. Aber Du kennst mich gar nicht, wenn Du mich recht gekannt hättest, wenn Du mich geliebt hättest, wie ich Dich, wärest Du nicht auf solche Gedanken gekommen."

"Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden", rief Georg und faßte ihre Hand, "Wie kannst Du mir vorwerfen, daß ich Dich nicht liebe, wie Du mich? Hätte es denn nicht möglich sein können, daß ein Würdigerer als ich erschienen, daß der arme Georg durch irgendeinen bösen Zauberer aus Deinem Herzen verdrängt worden wäre? Es ist ja doch alles möglich auf der Erde!"

"Möglich?" unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, schien sie allein zu beseelen. "Möglich? Wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir für möglich halten konntet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! So habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er muß fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch glauben."

"Diesen Vorwurf habe ich von Dir am wenigsten verdient", sagte der junge Mann, indem er unmutig aufsprang, "Wohl bin ich ein Rohr, das vom Wind hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten—"

"Es könnte sein", flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es sein Ohr nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.