Zur Ader lassen? Herr von Natas?"
Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir."
Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: Es mochte kaum elf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei—"
Was für eine Geschichte mit der Polizei?"
Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort ein ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weitergingen. Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hört kaum, wo es fehlt, so läuft er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."
Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.
Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von neuem los. Aus Nr. 18 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in Kassel. Des Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle bekommen. Der Alte mochte ein Glas über den Durst haben; denn er sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wußten nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem Kammermädchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen muß er haben wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken."
Nun, und ließ er der schönen Rosalie zur Ader?"
Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."
Armer Professor!" dachte ich, dein hübsches Röschen mit ihren sechzehn Jährchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein Pflaster ans das pochende Herz pappend."