Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ältliche Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt; denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:

Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich diese hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?'

Ja,' antwortete die andere Dame, heute früh nach dem Kaffee habe ich sie umgebracht.'

Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte, schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen sollte, und hörte weiter:

Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich, durch Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona, mit dem Deckbette erstickt?'

Keines von beiden,' entgegnete jene, aber recht hart ward mir dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich ließ sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von Elisen nichts mehr gesehen.'

Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf die eine oder andere Art umgebracht?' Nun, das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.

Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog?

Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr böses Gewissen schien mir erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen; aber ich—folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion der Polizei.

Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine gewisse P a u l i n e D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer, schickt sofort Patrouillen in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen womöglich vermeide.