Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und ihm morgen der Herr von …. einige Sous mehr bietet, so hält er eine Schimpfrede gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt."
Aber dann geht er förmlich über," bemerkte der Marquis; aber Ihr
Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf
Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund."
Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann, so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. Ich will dir,' sagte er, die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Maß tun. Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr als kaltes Blut.'
So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so ließ er mir sagen: Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen tüchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale."
Goddam! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?" rief der Lord mit wahrem Grauen. Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterlande jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"
Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jährlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schöne und miserable Erzählungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreißig Almanache, fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=, Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung guten Champagners aus Obst, zur Verlängerung der Gesundheit, die Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterlande annehmen, daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt; hat einer einmal im Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahre nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld für die Kritik!"
Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.
Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ," sagte der Marquis; aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte zu lachen. Ihr seid sublime Leute, das muß man euch lassen."
Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lächeln. Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Ländchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: Was das Post= und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. Er schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?' Ei, behüte!' sagte er, Bücher, gelehrte Bücher.' Über das Postwesen?' fragten wir weiter. Nein,' meinte er; Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang als mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in der Seele weh tat. Goddam!' sagte mein Begleiter.
Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage fördern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein großer Kritiker."