Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Ängstlich drängten sich Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem pas de deux entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke erscheint mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene. Seine Mienen, seine Haltung brüllen Verzweiflung aus. Man sieht, seine Fonds sind erschöpft, seine Beutel leer, er muß seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine Gebärdensprache ist bezaubernd—es hilft nichts. Da rafft er sich verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie ein gefallener König ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge reichen zu einer immensen Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller fällt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und französischen Häuser, vorgestellt von den Herren vom corps de ballet, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und fielen noch künstlicher, besonders exzellierten hierbei einige Berliner Börsenkünstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten.
Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über. Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier": H e i l d e m g r o ß e n K a i m a k a n! ertönte. Ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte Stadt kömmt. Man denkt nicht daran, daß der spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren Preisen losschlägt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den schützenden Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berühmter Könige und Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente Inschrift: S e i d u m s c h l u n g e n, M i l l i o n e n!" trug. Ein Herr mit einer bekannten morgenländischen Physiognomie, wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und stellte den Triumphator vor.
Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern der Minister herab auf den Boden stieg. Das ist Nothschild! Es lebe Nothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer, der diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte, besonders, als er mit dem englischen, österreichischen, preußischen und französischen Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Nothschild gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte mit einem brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem allerhöchsten cher cousin gemacht wurde.
Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über diese Szene aus. Es war zu erwarten," sagte er, daß diese Menschen bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden; aber daß auf der Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826, das ist unglaublich."
Mein Herr," erwiderte der Marquis lachend, unglaublich finde ich es nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige in seinen Sack stecken kann?"
Aber England, Alt=England! Ich bitte Sie," rief der Lord schmerzlich. Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder Pfeife tanzen müssen! Aber, Goddam! das englische Ministerium mit diesem Hep=Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist schmerzlich!"
Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig. Es wird und muß so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Königs David."
Das finde ich nicht," antwortete der Marquis; im Gegenteil, Sie sehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!"
Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied," erwiderte der Deutsche. Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur e i n e n König, jetzt aber haben alle Könige nur e i n e n Juden."
Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich oder Italien kommt ans Brett."