3. DAS THEATER IM FEGEFEUER.
Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich ist es weder Opera buffa noch seria, weder Trauer= noch Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner eine schauerlich=tragikomisch=historisch=romantisch= heroische Komödie aufführen,—wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen, etwa die Kleinstädter in der Hölle", wie würde man über verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung getroffen.
Mein Theater spielte große pantomimische Stücke, welche wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine dringt—
Eine kalte weiße Hand.
Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
Die im Sterbekleide vor ihm stand."
Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr? Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit krampfhaft gekrümmtem Finger an den Fässern anpocht, die er bestohlen? Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer, um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wäre eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu l e b e n s l ä n g l i c h e r Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, n o c h s e c h s J a h r e l ä n g e r" unterschrieb, weil er den Mann haßte. Aber sie würden mir auf der andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken wollte,—ich habe darin so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig mehr in den H ä u s e r n, desto mehr aber in den K ö p f e n, spukt.
Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:
M i t A l l e r h ö c h s t e r B e w i l l i g u n g.
Heute, als am Geburtstage der Großmutter, diabolischen Hoheit:
E i n i g e S z e n e n a u s d e m J a h r e 1 8 2 6.
Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.