Es wird heißen: Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war'," antwortete ich dem guten Deutschen. Um eine Lunte auszulöschen, bedarf es keiner großen Künste. Man wird bleiben, wie man war, man wird höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da müßte ich ja zuvor noch fragen, was für ein Landsmann Sie sind."

Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig.

Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen, da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten, braut. Sind Sie Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße und drückt Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren; denn an dem Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot; aber denken Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in der nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine schöne Taille bekommen—-"

Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf. Wollen Sie uns alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie—"

Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!" rief der Marquis. Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre=Dame! Das finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer?"

Die Glocken von Notre=Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange Prozession, angeführt von den Missionären, betrat die Bühne. Da sah man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die à la Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D—s, die Comtesse de M—u, die Fürstin T—d im Kostüm einer Büßenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte man faule Äpfel oder Steine in der Nähe gehabt! Das hohe Portal von Notre=Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionäre wie ein Kalb führten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versöhnen: Vive le bon Dieu! vive la croix!" So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.

Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord. Was ist
Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein
Frankreich, mein armes Frankreich!"

Es ist wahr," antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand drückte, Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!"

Das möchte doch nicht so sicher sein," sagte ich. Das Vaterland des
Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der
Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen."

Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre=Dame?" fragte der
Baron. Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?"