Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ältliche Dame als die Verbrecherin an.
Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit jener ernsten Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an, ängstlich zu werden; sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?
Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken: Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles; sie starb durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!'
Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,' antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes Lächeln überzugehen schien.
Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der Praxis eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte. Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten kann?'
Nicht doch!' entgegnete die Dame. Die Geschichte ist ja weltbekannt.'—Weltbekannt?' rief jener. Bin ich nicht schon seit zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne mir entgehen?'
Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die
Belege herbeibringe?'
Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht— zugestoßen!'
Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.
Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.