O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schönen Munde! Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es aus allem; und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß erwarteten.
Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen, daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!' weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels tauchte. Wie bin ich so allein!—Und wenn ich dich nicht hätte, mein Otto!—'
Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schönste, lieblichste Kind im Arme und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: Wie könnte ich dir zürnen?'
Sie schaute freundlich dankbar auf—Du bist wieder gut? Und o! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt heut so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten.'
Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die Glocke zog. Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, wie gerne setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu lange.' Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.
Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine vorzog, schien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken. Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht kostete.
Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rätselhafte Schöne zu Haus brachte und schalten mich neckend, daß ich sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem größern Teile nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner Bekannten fürchtete; zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.
Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein Ebenbild ließen sich sehen.
Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt? Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände, die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder.