Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er sich mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke hauptsächlich, große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens fatal; denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja, es sei eine und dieselbe Person.

Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde, der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu haben.

Sie könnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen, die nicht weit von mir saß, Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich hingelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.

Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge halten," brach er endlich los, wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir aufblitzen: Den hast du schon gesehen, wo war es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück, wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfaßte."

So war es mir gerade auch,—mir auch,—mir auch," riefen wir alle verwundert.

Hm! he, hm!" lachte der Professor. Jetzt fällt es mir aber von den Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?" fragte Frau von Thingen eifrig und errötete halb über den allzugroßen Eifer, den sie verraten hatte.