»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert, und seine Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!«

Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig lächelnd: »Ja, Josephe.«

»Sie haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem alle Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm vorüberflog. »O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen. Doch,« fuhr er fort, indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um Gottes willen, wo haben Sie den Ring her, woher das Tuch?«

Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg ihr Haupt an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort muß ich haben; es ist mein Ring, das Tuch – ich beschwöre Sie, wie kam beides in Ihre Hände, woher haben Sie den Ring?«

»Von dir!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an ihn drückte.

Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn dies zu helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und sah sie an mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du bist es? Träume ich denn wieder?« sprach er, nachdem er sie lange angeblickt. »Sagtest du nicht, du seiest mein süßes Mädchen? O Gott, welcher Schleier lag denn auf meinen Augen? Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein reizender Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!«

Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll Wonne und Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne dich, du edler Mann!« rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer ihrer Augen brach. »Ich bringe dir den Segen meiner guten Mutter, du hast ihre letzten Tage leicht gemacht und die Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf ihrer kranken Brust lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich geworden ohne dich! Doch –« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen das Gesicht bedeckte, »was bin ich denn geworden, das Weib eines andern, deines Freundes Weib!«

Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und senkte, wie durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen herabrieselten. Er fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke an einen Vorwurf, daß sie einem andern als ihm gehören könnte, kam in seine Seele. »Es ist so,« sagte er traurig, indem er sie fester an sich drückte, als könne er sie dennoch nicht verlieren. »Es ist so; wir wollen denken, es sollte so sein, es habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu glücklich gewesen wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du kommst herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich: o komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges Mal!«

In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter ihren düsteren Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit sich zu verlieren; heller und heller, freundlicher und immer freundlicher schien die Erinnerung aufzutauchen; ein holdes Lächeln zog um ihren Mund und senkte sich auf ihren Wangen in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich denn nicht?« fragte sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte er, sie voll Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich hatte mir damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz geschrieben, aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es mochte wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei Nacht sah in den Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, und wie konnt' ich auch denken – Freilich, als du am ersten Abend Faldner zuriefst: ›Auf Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton so bekannt vor, als hätte ich ihn schon gehört; aber ich lachte mich immer selbst aus über die törichten Vermutungen. Nachher war es mir hie und da, als müßtest du der sein, den ich meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal eine eigene Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest ganz in Erinnerung zu leben und mit den ersten Worten ward es mir klar, daß du, du es bist! Aber freilich, mich konntest du nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin recht bleich geworden?«