Der Spanier hatte Freudentränen im Auge. »Wie danke ich Euch für die Nachrichten, die Ihr mir gegeben!« sprach er. »Sobald ich Urlaub bekommen hatte, setzte ich mich mit Diego in den Wagen und ließ mich von W. bis hier täglich sechs Meilen fahren, denn länger hielt ich es nicht aus. Und lebt sie glücklich? Sieht sie ihrer Mutter ähnlich, und was erzählt sie von Laura Tortosi?« Fröben versprach, auf seinem Zimmer alle seine Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem sich der Spanier ein wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, schenkte ein, Diego reichte, wie damals, die Zigarren, und als Don Pedro recht bequem saß, fing der junge Mann seine Erzählung an. Mit steigendem Interesse hörte ihn der Spanier an; zu großem Aergernis Diegos ließ er seit zwanzig Jahren zum erstenmal die Zigarre ausgehen, und als der junge Mann an jene empörende Szene zwischen Faldner und der unglücklichen Frau kam, da konnte er sich nicht mehr halten; sein altes, südliches Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte den linken Arm in den Mantel und rief mit blitzenden Augen: »Meinen langen Stoßdegen her, Diego, den mach' ich kalt, so wahr ich ein guter Christ und spanischer Edelmann bin; ich stech' ihn nieder und hätte er ein Kruzifix vor der Brust, ich bring' ihn um; ohne Absolution und ohne alle Sakramente schick' ich ihn zur Hölle, so tu' ich. Bring mir mein Schwert, Diego!«
Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erschöpften Alten zu sich nieder; er suchte ihm begreiflich zu machen, wie dies alles nicht nötig sei, denn Josephe sei schon aus der Gewalt des rohen Menschen befreit und lebe getrennt von ihm. Er holte, um ihn noch mehr zu besänftigen, jenes Bild herbei und entfaltete es vor den staunenden Blicken Pedros. Entzückt betrachtete es der Don. »Ja, sie ist es,« rief er, alles übrige vergessend, »meine arme, unglückliche Laura!« Und weinend umarmte er den jungen Mann, nannte ihn seinen lieben Sohn und dankte ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an der unglücklichen Mutter und ihrer armen Tochter getan.
Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut der Gräfin auf. Es war ein rührender Anblick, wie der alte Mann die schöne jugendliche Gestalt Josephens umschlungen hielt, wie er ihre Züge aufmerksam betrachtete, wie seine strengen Züge immer weicher wurden, wie er sie dann gerührt auf Auge und Mund küßte. »Ja, du bist Lauras Tochter!« rief er. »Dein Vater hat dir nichts gegeben als sein blondes Haar, aber das sind ihre lieben Augen, das ist ihr Mund, das sind die schönen Züge der Tortosi! Sei meine Tochter, liebes Kind; ich habe keine Verwandten und bin reich; durch Verwandtschaft, mein Herz und einen zwanzigjährigen Gram gehörst du mir näher an als irgend jemand auf der Erde!« Ihre Blicke, die über seine Schultern weg auf Fröben fielen, schienen diese letztere Behauptung nicht gerade zu bestätigen, aber sie küßte gerührt seine Hand und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten Vater.
Die Freude des Wiedersehens dauerte übrigens nur wenige Tage. Don Pedro erklärte sehr bestimmt, daß ihn seine Geschäfte nach Portugal rufen und zugleich schien er gar nicht einzusehen, was Josephen abhalten könnte, ihm dahin zu folgen; er hegte zu strenge Grundsätze über die Artikel seiner Kirche, als daß er den Gedanken für möglich gehalten hätte, Fröben könne Josephe, die getrennte Gattin eines andern, zur Frau begehren. Es ist uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden über diesen strittigen Punkt verhandelten; nur so viel ist gewiß, daß Fröben einigemal darauf hindeutete, sie solle zum evangelischen Glauben zurückkehren, daß sie jedoch, zwar mit unendlichem Schmerz, aber sehr bestimmt, diesen Vorschlag abwies. Oft soll ihr der junge Mann in Verzweiflung über die herannahende Trennung vorgeschlagen haben, sie solle Don Pedro ziehen lassen, sie solle für sich leben, in Deutschland bleiben, er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer als Freund um sie sein. Aber auch dies lehnte sie ab; sie gestand ihm offen, daß sie sich zu schwach fühle, ein solches Verhältnis mit Ehren hinauszuführen, und stolzer gemacht durch ihr Unglück, bebte sie zurück vor dem Gedanken an eine unwürdige Verbindung mit einem Mann, den sie so hoch achtete, als sie ihn liebte. Allein mit sich, gestand sie sich wohl, daß ein noch edelmütigerer Gedanke ihre Schritte lenke. »Sollte er,« sagte sie zu sich, »die Blüte des Lebens an ein unglückliches Geschöpf verlieren, das ihm nur Freundin sein darf? Soll er den hohen Genuß häuslicher Freuden, das Glück, Kinder und Enkel um sich zu versammeln, wegen meiner aufgeben? Nein, er hat mich schon einmal verloren und die Zeit wird auch jetzt seinen Schmerz lindern, er wird ein unglückliches Wesen vergessen, das ewig an ihn denken, ihn lieben, für ihn beten wird.«
So schienen denn jene prophetischen Worte Josephens: »Auf immer!« in Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit seiner neuen Verwandten das Gut der Gräfin, um durch Holland auf die See zu gehen. Fröben, den vielleicht nur der Gedanke, Josephen bald nach Portugal nachzufolgen und dort ihr Freund zu sein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte auf der Reise durch Deutschland und Holland; und so oft sie ihn bat, durch längeres Begleiten die Tage der Trennung nicht noch schwerer zu machen, bat er mit Tränen im Auge: »Nur bis ans Meer und dann auf immer!«
36.
Im August dieses Jahres wurde in Ostende ein englisches Schiff klar, das nach Portugal Schiffsgut und Passagiere brachte. Es war ein schöner Morgen, die Nebel hatten sich gesenkt und die Tage schienen für die Fahrt günstig werden zu wollen. Es war um neun Uhr morgens, als ein Kanonenschuß von dem Engländer herüberschallte, zum Zeichen, daß die Passagiere sich an die Küste begeben sollen. Zu gleicher Zeit ruderte eine Schaluppe heran und warf ihr Brett aus, um die Reisenden einzunehmen. Vom Land her kamen viele Personen mit Gepäck, gingen über das Brett, und bald war die Schaluppe voll und die erste Ladung wurde an Bord gebracht. Ehe noch die Schaluppe zum zweitenmal anlegte, sah man vier Personen sich dem Strande nähern, die sich durch Gang, Haltung und Kleidung von den übrigen ärmlicheren Passagieren unterschieden. Ein hoher, ältlicher Mann ging stolzen Schrittes voraus; er hatte einen breitgekrempten Hut auf und den Mantel so kunstreich und bequem um die Schultern geschlagen, daß ein Schiffer, der ihn kommen sah, ausrief: »Ich laß mich fressen, wenn es kein Spanier ist!« hinter jenem kam ein jüngerer Herr, der eine schöne, schlankgebaute Dame führte. Der junge Herr war sehr bleich, schien einen großen Kummer niederzukämpfen, um durch Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beschwichtigen. Ihr schönes Gesicht war um Auge und Stirne von heftigem Weinen gerötet, der Mund schmerzlich eingepreßt und die Wangen und untern Teile des Gesichtes sehr bleich. Sie ging schwankend, auf den Arm des jungen Mannes gestützt; ein Hütchen mit wallenden Straußfedern; ein wallendes Kleid von schwerem schwarzen Seidenzeug, um Hals und Busen reiche Goldketten, schienen nicht zur Reise zu passen, und man konnte daher glauben, daß sie den jungen Mann an Bord begleite; hinter beiden ging ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen Sonnenschirm unter dem Arm und hatte ein spanisches Netz über seine dunkeln Haare gezogen.
Als sie so weit herabgekommen waren, wo der Sand von der vorigen Flut noch feucht war, an die Stelle, wo man das Brett nach der Schaluppe auswarf, blieben sie stehen, und das schöne junge Paar sah nach dem Schiff, dann sahen sie sich an und die Dame legte ihr Haupt auf die Schulter des Mannes, daß die Straußfedern um sein Gesicht spielten und seine stillen Tränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr stand nicht weit davon, wickelte sich, finster auf die See blickend, tief in seinen Mantel, und sein Auge blinkte, man wußte nicht ob von einer Träne oder dem Widerschein der glänzenden Wellen. Jetzt kam die Schaluppe plätschernd ans Ufer; das Brett wurde ausgeworfen und ein donnernder Schuß vom Schiffe schreckte das Paar aus seiner Umarmung. Der alte Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, schüttelte sie kräftig und stieg dann schnell über das Brett, sein Diener folgte, nachdem auch er dem Jüngling herzlich die Hand geboten. Jetzt umarmten sich die jungen Leute noch einmal; er wandte sich zuerst los und führte die Dame nach dem Brett. »Auf immer!« flüsterte sie mit wehmütigem Lächeln. »Auf immer!« antwortete der junge Mann, indem er sie bebend, mit Tränen ansah. Noch einen Händedruck und sie wandte sich, das Brett hinanzusteigen. Schon stand sie oben, der Oberbootsmann, ein breiter Engländer, wartete am Brett, streckte seine breite Hand aus, um die schöne Dame zu empfangen, und hatte schon einige gutgemeinte Trostgründe in Bereitschaft. Da wandte sie von dem unendlichen Meer ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem jungen Mann. Ihre hohe herrliche Gestalt schwebte kühn auf dem schmalen Brett, ihr schlanker Hals war nach dem Land zurückgebogen, die schwankenden Federn des Hutes schienen hinüberzugrüßen. Er breitete die Arme aus, in seinen Zügen mischte sich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung. Da schien sie ihrer selbst nicht mehr mächtig zu sein; sie sprang über das Brett und hinab auf das Land, und ehe der Bootsmann die Hände vor Verwunderung zusammenschlagen konnte, hing sie schon an des jungen Mannes Hals, an seinen Lippen. »Nein, ich kann nicht über das Meer,« rief sie, »ich will bleiben; ich will alles tun, was du willst, will diese Fesseln eines Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem bessern Gefühl zu folgen; du bist mein Vaterland, meine Familie, mein alles; ich bleibe!«