»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast bei meinem Bruder um mich angehalten, und er sagte dir zu, im Fall ich wollte und der Herzog durch ein Reskript das Hindernis wegen der Religion zwischen uns aufhöbe. Ich bin nur froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht möglich, aber ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und seid doch eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.«
»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge Mann mit Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O Gott, wie soll ich dir diesen furchtbaren Irrtum benehmen?«
»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein verhaßtes Volk neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei nicht bange; mein Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird uns gewiß helfen, denn was er sagt, ist dem Herzog recht. Doch eine Bitte habe ich, Gustav: willst du mich nicht bei den Deinigen einführen? Du hast zwei liebenswürdige Schwestern; ich habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie freut es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß mich sie kennen lernen.«
Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur ein Wort zu erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille stehen. Er blickte wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken aller Sinne beraubt ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem Mädchen hin, das, wenn auch nicht in diesem Augenblick, doch bald vielleicht, noch unglücklicher werden mußte als er, und das jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein Kind an einem furchtbaren Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte.
»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch immer schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du krank? Du bist so verändert.« Doch – noch ehe er antworten konnte, sprach eine tiefe Stimme neben Lea: »Bon soir, Herr Expeditionsrat; Sie unterhalten sich hier im Dunkeln mit Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum spazieren Sie nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.«
»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek, der beinahe in demselben Augenblick herantrat. »Deine Schwestern behaupten, du unterhieltest dich hier unten mit einem Frauenzimmer.«
»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos.
»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe zwar nicht das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser Dunkelheit, aber ich nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten Dank von wegen der Erhebung meines Sohnes abzustatten; bin auch sehr scharmiert, daß Sie so treue Nachbarschaft mit meinem Gustav halten.«
»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn man glaubt, ich bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln über den Zaun herüber zu parlieren, ich kam nur, um meine Schwester abzuholen, weil es etwas kühles Wetter ist und die Nachtluft ihr schaden könnte.«
»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche, wie soll ich das verstehen, sprich!«