Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben den Oberst Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme etwas vorlesen; die tiefe Stille umher unterbrach nur zuweilen ein schnell verrauschendes Murmeln des Unwillens. Jetzt sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche Züge gingen nach und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die Männer unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des Mädchens, ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe schloß, die Lampe ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg einschlug.

»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst auf einmal so aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?«

»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte Käthchen nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt. Höre – aber schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen. Das sind gefährliche Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir graut, wenn ich daran denke, was daraus entstehen kann.«

»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre älter als du, und du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.«

»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der Süß will uns katholisch machen und die Landschaft umstürzen; da verlöre der Vater und alle andern verlören ihre Stellen!«

»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten wir ja Nonnen werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das ist abscheulich!«

»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über den Jammer ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben, wenn alle, die keine Männer bekommen, ins Kloster gingen; aber sei ruhig, es kommt nicht so weit. In drei Tagen, sagte Röder, werde der Herzog verreisen, und während er in Philippsburg ist, wollen die Männer da unten den Juden und alle seine Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und dann dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.«

»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig weinend. »Alles werden sie verlieren, denn der Herzog traut allen eher als denen von der Landschaft; ich weiß ja, was mir einmal die Oberstjägermeisterin über den Vater sagte. Du wirst sehen, es geht unglücklich!«

»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die Töchter eines Mannes, der, was er tut, zum Besten seines Vaterlandes tut. Das kann uns trösten.« Das mutige Mädchen holte aus dem Schranke eine mit vielen schönen Kupfern geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das neue Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen. Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg ihre eigene Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen, das sie leise vor sich hinsang, während ihre schönen Fingerchen emsig die vergilbten Blätter von einem Bilde zum andern durcheilten.