»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von derselben Größe, nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern, du machst mir Freude, wenn du es tun willst.«

»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes besitzt,« sagte Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden, Sie haben die nächsten Ansprüche, und ich will gewiß das Meinige tun.«

»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu einem Lächeln zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er sein Vermögen den Armen dieses Landes entzogen habe. Da hatte er unrecht, und es wäre besser, er hätte dieses Land nie gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir, von diesem Golde Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird. Aber von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil es jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich! Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen Wimpern hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur fremdes Unglück, um das dein schönes Herz trauert.«

»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich kann dich nicht so hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der Verzweiflung die aus dir spricht. Besuche doch meine Schwester; sage, wo du wohnst. – Ach, wenn du Mangel littest! – Scheide nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß, daß ich nicht anders konnte!«

»Und auch ich weiß es, Gustav, und war ein törichtes Mädchen, dich auf diese gefährliche Probe zu stellen; unser Unglück ist so groß, daß eine kleine Hilfe mit deiner Ehre, mit deiner Ruhe zu teuer erkauft wäre. Lebet wohl! Ich brauche wenig, vielleicht bald gar nichts mehr, und sollte ich etwas nötig haben, so bin ich nicht zu stolz, zu dieser Freundin zu kommen, der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.«

»Und vergibst du?« sagte Gustav mit Tränen.

»Ich habe nichts zu vergeben,« erwiderte sie, indem sie ihm mit mehr Fassung, als die beiden Geschwister erhalten hatten, die Hand bot. »Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen zu begießen. Möge der Gott meiner Väter dich so glücklich machen, als es dein reines Herz verdient!« Sie sagte es, warf noch einen Blick voll Liebe auf ihn und ging, von Käthchen begleitet.

Der junge Mann blickte ihr wehmütig nach; es war ihm, als hätte diese Stunde einen mächtigen Einfluß auf sein Leben, aber er ahnte auch, daß er das unglückliche Mädchen zum letztenmal gesehen habe.