Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch, die Sitten »vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich glaubte einst bei einer solchen Unterhaltung die Reifröcke rauschen, die hohen Stelzschuhe klappern, die französischen Brocken schnurren zu hören, die ganze Erzählung roch nach Ambra und Puder wie die alten Damen selbst. Und so frisch und lebhaft ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich einmal, als mir eine dieser Damen von einer längst verstorbenen Frau Ministerin erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als Kind gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme ein Zuckerbrot geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben, beziehen sich auf geheime Familiengeschichten oder sonderbare, abenteuerliche Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig ins Publikum kamen, und ich kann versichern, daß ich sie alle, teils in Berlin, teils in Hannover, Kassel, Karlsruhe, selbst in Dresden eben von solchen alten Frauen, den Chroniken ihrer Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe.

Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel zum Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende Menge Novellen zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt findet kein empfängliches Publikum mehr, die lyrische Poesie scheint nur noch von wenigen geheiligten Lippen tönen zu wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt man, nur die Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit, Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel haben wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt, und Gott und seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die nachstehenden Geschichten wirkliche und gerechte Novellen sind.

Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen darzutun, wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben, wie man beim Novellenschreiben zu Werke gehe, und – daß alles getreue Wahrheit sei, wenn auch keine poetische, was ich niedergeschrieben. Sie werden sich noch der guten Frau von Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid von verblichenem gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung ihrer harten, gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte, »Othello« betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn ich bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als Jean Paul dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als die Geschichte sei an jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle habe ich aus dem Mund der alten Gräfin Nelkenroth; man hält sie allgemein für eine böse Frau, aber ich kann versichern, daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen vergießen sah. Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften weinerliche Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein Maler versicherte, sie habe etwas von einer Mater dolorosa; aber soviel ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt haben will, und die Frau, bei welcher Herr von Fröben in S. gewohnt hat, erzählte mir manche Sonderbarkeiten von ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich die Geschichte wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn von Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam, etwas Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild der Dame nach dem Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von Strixner lithographiert worden sei. In Ostende, wo ich durch mehrere Briefe nachforschte, konnte ich nichts erfahren, als daß allerdings ein englisches Schiff, die »Luna«, Kapitän Wardwood, im August Passagiere nach Portugal an Bord genommen habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein Don Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am Rhein, wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie erkundigte, und erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir alles für Erfindung, denn es gäbe am ganzen Rhein hinab nur gesittete Landwirte, die mit ihren Frauen wie die Engel im Himmel leben.

Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten, die ich erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es gibt freilich Leute, die mir dieser historischen Wahrheit wegen gram sind und behaupten, der echte Dichter müsse keine Straße, keine Stadt, keine bekannten Namen und Gegenstände nennen; alles und jedes müsse rein erdichtet sein, nicht durch äußern Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen, und wie Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht auch für »eine rechtswidrige Täuschung des Publikums« und können mich darüber belangen wollen, daß ich behaupte, dies und jenes habe sich da und dort zugetragen, und ich könne doch keine stadtgerichtlichen Zeugnisse beibringen. Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten Dichtern die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in Dichtung und Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer eine Türe und einen wunderschönen Garten gesehen. Noch heute laufen alle Fremden hin (ich selbst war dort) und beschauen die Mauer und wundern sich, daß man nicht wenigstens die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen Frevel gegen ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe vorrücken; armen Menschen, ohne den Kammerherrnschlüssel der Poesie, der die Mauern aufschließt, wenn sie auch keine Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute halten.

Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so abenteuerlich sie sein mögen, als reine, treue Wahrheit; es wird Sie weniger ärgern, als wenn Sie Dichtungen vor sich zu haben meinten, und Ihr scharfes Auge ein wirres Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände.

W. H.


Othello.

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