»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von Venedig.‹ Ob es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! Das hat der Souffleur hingeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe Hand, die hier in margine bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin spukt wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben, acht Tage nach Othello.‹« Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend an; sie schwiegen, er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar 1775, zum Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹ Richtig wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell versterben! † 24. Januar 1775.‹«
»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist so; es soll einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben; geben Sie mir aber nur einen vernünftigen Grund an zwischen Ursache und Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am Othello versterben lassen wollen!«
»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das kann ich nicht; aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem auch dieser unglückselige Othello abstammt: ›Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!‹«
»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare hätte nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!«
»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber weiter. Ich komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern kann, an den Herzog selbst.«
»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben jener, der die Actrice ermorden ließ?«
»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte eine der fremden fürstlichen Damen, Othello zu sehen. Der Herzog ging ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel seiner Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu vor diesem Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts abschlagen mochte, sei es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das Stück mußte über Hals und Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen Sie, hier steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß H… aufgeführt.‹«
»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die Freunde ungeduldig.
»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben.«