Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler wiedergeben, Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab in die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es lebt doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt über die Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen, aber tiefer, Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors krampfhaft faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch schrecklicher?«
»Von einem habe ich gehört,« erwiderte jener, »das aber Männer wie wir nicht kennen – es heißt Selbstverachtung.«
Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte er, »das sitzt noch tiefer. Männer wie wir pflegen es nicht zu kennen, es heißt Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf die Erde; ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die Qual des Wankelmutes, Major?«
»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus aufs Ziel!«
»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere Trompeten ließen jene Arien aus den Krakauern ertönen, jene Gesänge, die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten; diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust; Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?«
»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals, damals war ich freilich wankelmütig!«
»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß das recht hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor!«
»Möglich; aber der Mann hat Kraft, dem treu zu bleiben, was er gewählt hat.«
»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies eine Wort, »das ist es, und daraus – die Selbstverachtung; und warum besser scheinen, als ich bin? Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten, wissen Sie, ich bin –«