»Sie haben recht, es ist töricht von mir; aber in der Nacht, als man mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde sterben. Eine ernste, finstere junge Dame kam mit einem Plumeau von roter Seide auf mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer stärker auf mich, daß ich beinahe erstickte. Dann kam plötzlich mein Großoheim, der Herzog Nepomuk, gerade so wie er gemalt in der Galerie hängt, und befreite mich von dem beengenden Druck, und das sonderbarste ist –«

»Nun?« fragte der Baron lächelnd, »was fing denn der gemalte Herzog mit Desdemona an?«

Die Prinzessin staunte: »Woher wissen Sie denn, daß die Dame Desdemona ist? Ich beschwöre Sie, woher wissen Sie dies?«

Der Major schwieg einen Augenblick verlegen. »Was ist natürlicher,« antwortete er dann, »als daß Sie von Desdemona träumten? Sie hatten sie ja am Abende zuvor in einem roten Bette verscheiden sehen.«

»Sonderbar, daß Sie auch gleich auf den Gedanken kamen! Das sonderbarste aber ist, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite, ich wachte in der Tat auf und sah – wie jene Dame mit dem Plumeau unter dem Arm langsam zur Türe hinausging. Seit dieser Nacht träumte ich immer dasselbe, immer beengender ward ihr Druck, immer später kommt mir der Herzog zu Hilfe, aber immer sehe ich sie deutlich aus dem Zimmer schweben! Und als ich gestern abend mir die Harfe bringen ließ und mein liebes Desdemonaliedchen spielte, da – spotten Sie immer über mich! – da ging die Türe auf und jene Dame sah ins Zimmer und nickte mir zu.«

Sie hatte dieses halb scherzend, halb im Ernst erzählt; sie wurde ernster. »Nicht wahr, Major,« sagte sie, »wenn ich sterbe, gedenken Sie auch meiner? Das Andenken eines solchen Mannes ist mir wert.« – »Prinzessin!« rief der Major, indem er vergebens seine Wehmut zu bezwingen suchte, »entfernen Sie doch diese Gedanken, die unmöglich zu Ihrer Genesung heilsam sein können!«

Die Oberhofmeisterin erschien in der Tür und gab ein Zeichen, daß die Audienz zu Ende sein müsse. Sophie reichte dem Major die Hand zum Kusse, er hat nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe und Ehrfurcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er hob sein Auge noch einmal zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmut auf ihm ruhten. Die Oberhofmeisterin trat mit einer Amtsmiene näher; der Major stand auf; wie schwer wurde es ihm, mit kalten gesellschaftlichen Formen sich von einem Wesen zu trennen, das ihm in wenigen Minuten so teuer geworden war.

»Ich hoffe,« sagte er, »Euer Durchlaucht bei der nächsten Cour ganz wiederhergestellt zu sehen.«

»Sie hoffen, Major?« antwortete sie schmerzlich lächelnd; »leben Sie wohl, ich habe zu hoffen aufgehört.«