Ich habe sie nicht wiedergesehen! Nach einem Aufenthalt von drei Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich ging am Fünfzehnten auf die Place de l'Ecole de Médecine, ich wartete über eine Stunde, mein Mädchen erschien nicht. Noch oft am Ersten und Fünfzehnten wiederholte ich diese Gänge; wie oft ging ich durch die Straße St. Severin, blickte an den Häusern hinauf, fragte wohl auch nach einer armen deutschen Frau und ihrer Tochter, aber ich habe nie wieder etwas von ihnen erfahren, und das reizende Wesen hatte recht, als sie mir beim Abschied zurief: Auf immer!«
26.
Der junge Mann hatte seine Erzählung mit einem Feuer vorgetragen, das ihr große Wahrheit verlieh und wenigstens auf den weiblichen Teil der Gesellschaft tiefen Eindruck zu machen schien. Josephe weinte heftig, und auch die andern Fräulein und Frauen wischten sich hin und wieder die Augen. Die Männer waren ernster geworden und schienen mit großem Interesse zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder und flüsterte ihm seine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geschlossen hatte, brach er in lautes Gelächter aus: »Das heiße ich mir sich gut aus der Affaire ziehen!« rief er. »Ich habe es ja immer gesagt, mein Freund ist ein Schlaukopf. Seht nur, wie er die Damen zu rühren wußte, der Schelm! Wahrhaftig, meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die Absolution versagt. Das ist köstlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit! Ja, das hast du deinem Goethe abgelauscht, Dichtung und Wahrheit, es ist ein herrlicher Spaß.«
Fröben fühlte sich durch diese Worte aufs neue verletzt. »Ich sagte dir schon,« sagte er unmutig, »daß ich die Dichtung oder Erdichtung gänzlich beiseite ließ und nur die Wahrheit sagte; ich hoffe, du wirst es als solche ansehen.«
»Gott soll mich bewahren!« lachte der Baron. »Wahrheit, das Mädchen hast du dir unterhalten, Bester, das ist die ganze Geschichte, und aus den Abendbesuchen bei ihr hast du uns einen kleinen Roman gemacht. Aber gut erzählt, gut erzählt, das lasse ich gelten.«
Der junge Mann errötete vor Zorn; er sah, wie Josephe ihren Gatten starr und ängstlich ansah; er glaubte zu sehen, daß auch sie vielleicht seinen Argwohn teile und schlecht von ihm denke; die Achtung dieser Frau wenigstens wollte er sich durch diese gemeinen Scherze nicht nehmen lassen. »Ich bitte, schweigen wir davon,« rief er, »ich habe nie in meinem Leben Ursache gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu entstellen, kann es aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieses Geschäft abnehmen wollen. Ich sage dir zum letztenmal, Faldner, daß sich, auf mein Wort, alles so verhält, wie ich es erzählte.«
»Nun dann sei es Gott geklagt,« erwiderte jener, indem er die Hände zusammenschlug. »Dann hast du aus lauter übertriebenem Edelsinn und theoretischer Zartheit ein paar hundert Franken an ein listiges Freudenmädchen weggeworfen, das dich durch ein gewöhnliches Histörchen von Elend und kranker Mutter köderte; hast nichts davon gehabt als einen armseligen Kuß! Armer Teufel! In Paris sich von einer Metze so zum Narren halten zu lassen.«
Noch mehr als die vorige Beschuldigung reizte den jungen Mann dieses spöttische Mitleid und das Gelächter der Gesellschaft auf, die auf seine Kosten den schlechten Witz des Barons applaudierte. Er wollte eben, aufs tiefste gekränkt, die Gesellschaft verlassen, als ein sonderbarer, schrecklicher Anblick ihn zurückhielt. Josephe war, bleich wie eine Leiche, langsam aufgestanden; sie schien ihrem Gatten etwas erwidern zu wollen, aber in demselben Moment sank sie ohnmächtig, wie tot zusammen. Bestürzt sprang man auf, alles rannte durcheinander, die Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten sich verwirrt, wie dies denn so plötzlich gekommen sei, Fröben hatte der Schrecken beinahe selbst ohnmächtig gemacht, und der Baron murmelte Flüche über die zarten Nerven der Weiber, schalt auf die grenzenlose Dezenz, auf die ängstliche Beobachtung des Anstandes, wovon man ohnmächtig werde, suchte bald die Gesellschaft zu beruhigen, bald rannte er wieder zu seiner Frau; alles sprach, riet, schrie zusammen und keiner hörte, keiner verstand den andern.