»Das ist der Familiensaal,« sagte während der Tafel der alte Thierberg, als er die neugierigen Blicke sah, womit sein Neffe dieses Gemach musterte. »Vor Zeiten soll man es die Laube genannt haben, und meine Ahnherren pflegten hier zu trinken. Mein Großvater selig ließ es aber also einrichten und schmücken. Er war ein Mann von vielem Geschmack und hatte in seiner Jugend mehrere Jahre am Hof Ludwigs XIV. zugebracht. Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige Dame, und sie beide haben das Innere des Schlosses auf diese Art eingeteilt und dekoriert.«

»Am Hofe Ludwigs XIV.!« rief der junge Mann mit Staunen. »Das ist eine schöne Zeit her; wie mancherlei Gäste mag dieser Saal seit jener Zeit gesehen haben!«

»Viele Menschen und wunderbare Zeiten,« erwiderte der alte Herr. »Ja, es ging einst glänzend zu auf Thierberg, und unsere Gäste befanden sich bei uns nicht schlimmer als bei jedem Fürsten des Reichs. Man konnte kein fröhlicheres Leben finden als das auf diesen Schlössern, solange unsere Ritterschaft noch blühte. Da galt noch unser Ansehen, unsere Stimme. Man war ein Edelmann so gut als der König von Frankreich, und ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über sich kannte als seinen gnädigen Herrn, den Kaiser, und Gott; jetzt –«

»Vater!« unterbrach ihn Anna, als sie sah, wie die Ader auf seiner Stirn anschwoll, und wie eine dunkle Röte, ein Vorbote nahenden Sturmes, auf seinen Wangen aufzog. »Vater!« rief sie mit zärtlichen Tönen, indem sie seine Hand ergriff, »nichts mehr über dies Thema; Sie wissen, wie es Sie immer angreift!«

»Törichtes Mädchen!« erwiderte der alte Herr, halb unwillig, halb gerührt von der bittenden Stimme seiner schönen Tochter; »warum sollte ein Mann nicht stark genug sein, nach Jahren von dem zu sprechen, was er zu dulden und zu tragen stark genug war? Der Vetter kennt nur unsere Verhältnisse, wie sie jetzt sind. Er ist geboren zu einer Zeit, wo diese Stürme gerade am heftigsten wüteten, und aufgewachsen in einem Lande, wo die Ordnung der Dinge längst schon anders war; er kann sich also nicht so recht denken, was die Vorfahren seiner Mutter waren, und deshalb will ich ihn belehren.«

Der Freiherr nahm nach diesen Worten sein großes Glas, auf dessen Deckel die Wappenschilde seines Hauses, aus Silber getrieben, angebracht waren, und trank, um Kraft zu seiner Belehrung zu sammeln, einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein Anna sah an ihm vorüber den Gast mit besorglichen, bittenden Blicken an. Er verstand diesen Wink und suchte den Oheim von dieser Materie abzubringen.

»Es ist wahr,« fiel er ein, noch ehe jener das Glas wieder auf den Tisch gesetzt hatte, »in Preußen sind die Verhältnisse anders und seit langer Zeit anders gewesen. Aber sagen Sie selbst, kann man ein Land in Europa finden, das meinem Vaterlande gliche? Ich gebe zu, daß andere Länder an Flächeninhalt, an Seelenzahl uns bei weitem überwiegen, aber nirgends trifft man auf so kleinem Raum eine so kräftige, durch innere Tugend imponierende Macht; es ist das Sparta der neuen Zeit. Und nicht ein glücklicherer Boden oder ein milderer Himmel bewirkten so Großes; sondern der Genius großer Männer hat ein Preußen geschaffen, weil sie es verstanden, die schlummernden Kräfte zu wecken, und dem Volke selbst zeigten, welche Stellung es einnehmen müsse; weil sie Preußen geworden sind, ist auch ein Preußen erstanden.«

Der alte Herr hatte seinem Neffen ruhig zugehört, bei den letzten Worten aber zog sich sein Gesicht zu solcher Ironie zusammen, daß der Brandenburger errötete. »Der Sohn meines Nachbars, des Generals von Willi, würde sagen, wenn er dich hörte: ›O Deutschland, Deutschland, da sieht man, wie dein Elend aus deiner eigenen Zersplitterung hervorgeht! Sie wollen nicht mehr Griechen, sondern Platäer, Korinther, Athener, Thebaner und gar – Spartaner heißen!‹ Ich wünsche nur,« setzte er lächelnd hinzu, »daß die Spartaner nicht zum zweitenmal einen Epaminondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei Leuktra war kein Meisterstück der Kriegskunst unserer modernen Spartaner.«

»Unser Unglück bei Jena,« sagte der junge Mann verdrießlich, »kann man weder dem Volk noch dem Könige zuschreiben, und ich glaube, wir haben uns an Napoleon hinlänglich gerächt; wir haben nicht nur Deutschland wieder frei gemacht, sondern ihn selbst entthront.«

»So? Das seid ihr gewesen?« fragte der Oheim; »Gott weiß, ich tat bis jetzt sehr unrecht, daß ich dieses Ereignis der halben Million Soldaten zuschrieb, die man aus ganz Europa gegen ihn zusammenhetzte. Warst du vielleicht selbst mit dabei, Neffe? Du kannst wahrscheinlich als Augenzeuge reden?«