Er ließ den Medizinalrat nicht zum Worte gelangen, er überschrie ihn. »Sie kommen von ihr?« rief er. »Schämen sich Ihre grauen Haare nicht, der Kuppler eines solchen Weibes zu werden? Ich will nichts mehr hören; ich habe mein Glück zu Grabe getragen, Sie sehen, ich traure um meine Seligkeit; ich habe meinen schwarzen Schlafrock an, schon dies sollte Ihnen, wenn Sie sich entfernt auf Psychologie verstehen, ein Zeichen sein, daß ich jene Person für mich als gestorben ansehe. O Giuseppa, Giuseppa!«
»Wertester Herr Kapellmeister,« unterbrach ihn der Doktor, »so hören Sie mich nur an –«
»Hören? Was wissen Sie von Hören? Lauschen Sie, wenn Sie von Hören sprechen; ich will prüfen, ob du Gehör hast, Alter! Siehe, das ist das Weib,« fuhr er fort, indem er den Flügel aufriß und einiges spielte, das übrigens dem Doktor, der kein großer Musikkenner war, vorkam wie andere Musik auch; »hören Sie dieses Weiche, Schmelzende, Anschmiegende? Aber bemerken Sie nicht in diesen Uebergängen das unzuverlässige, flüchtige, charakterlose Wesen dieser Geschöpfe? Aber hören Sie weiter,« sprach er mit erhobener Stimme und glänzendem Auge, indem er die weiten Aermel des Trauerschlafrockes zurückschüttelte, »wo Männer wirken, ist Kraft und Wahrheit; hier kann nichts Unreines aufkommen, es sind heilige, göttliche Laute!« Er hämmerte mit großer Macht auf den Tasten umher, aber dem Doktor wollte es wieder bedünken, als sei dies nur ganz gewöhnliche Musik.
»Sie haben da eine sonderbare Charakteristik der Menschen,« sagte er; »da wir doch einmal so weit sind, dürfte ich Sie nicht bitten, Verehrter, daß Sie mir doch einmal einen Medizinalrat auf dem Klavier vorstellten?«
Der Musiker sah ihn verächtlich an. »Wie magst du nur mit einem schlechten quiekenden Cis hereinfahren, Erdenwurm, wenn ich den herrlichen, strahlenwerfenden Akkord anschlage!«
Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen; eine kleine verwachsene Figur trat herein, machte eine Reverenz und sprach: »Der kranke Herr auf Nr. 53 läßt den Herrn Kapellmeister höflichst ersuchen, doch nicht so gar erschrecklich zu hantieren und zu haselieren, wasmaßen derselbe von gar schwacher Konstitution und dem zeitlichen Hinscheiden nahe ist.«
»Ich lasse dem Herrn meinen gehorsamsten Respekt vermelden,« erwiderte der junge Mann, »und meinetwegen könne er abfahren, wann es ihm gefällig. Es graut mir ohnedies alle Nacht vor seinem Jammern und Stöhnen, und das greulichste sind mir seine gottlosen Flüche und sein tolles Lachen. Meint vielleicht der Franzose, er sei allein Herr im Hotel de Portugal? Geniert er mich, so geniere ich ihn wieder.«
»Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,« sagte der verwachsene Mensch, »er treibt's nicht mehr lange, wollten Sie ihm nicht die letzten Augenblicke –«
»Ist er so gar krank, der Herr?« fragte der Medizinalrat teilnehmend, »was fehlt ihm? Wer behandelt ihn? Wer ist er?«