Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er sehe so ehrlich aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen sei. Der Kommerzienrat Bolnau, und einen andern wußte er nicht in dieser Stadt, war ihm zwar als ein geordneter Mann bekannt, aber – hatte man nicht Beispiele, daß gerade solche Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte, der Justiz am meisten zu schaffen machten? Konnte er nicht mit diesem Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte unter diesen Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näherte sich der breiten Straße, es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der Kommerzienrat sich dort zu ergehen pflegte; er beschloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte links, er sprach alle Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte, wenn er weiter ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu sein. Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt sein, als er dessen ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um und wollte in eine Seitenstraße einbiegen. »Ein verdächtiger, sehr verdächtiger Umstand!« dachte der Direktor, lief ihm nach, rief seinen Namen und brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat war ein Bild des Jammers; er brachte in hohlen Tönen ein »Bon jour, bon jour« hervor, er schien lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über, und sein Gesicht verzog sich krampfhaft; seine Kniee zitterten, seine Zähne schlugen hörbar aneinander.

»Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein paar Tage nicht an meinem Fenster vorbeigehen sehen; Sie scheinen nicht recht wohl zu sein?« setzte der Direktor mit einem stechenden Blick hinzu, »Sie sind so blaß, fehlt Ihnen etwas?«

»Nein, – es ist nur so ein kleines Frösteln – ich war wirklich einige Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.«

»So? Sie waren nicht wohl?« fragte jener weiter; »das hätte ich kaum gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen Tagen auf der Redoute recht munter gesehen zu haben.«

»Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wiederhergestellt.«

»Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute zu besuchen; es ist die letzte und soll sehr brillant werden; ich hoffe Sie dort zu sehen; bis dahin adieu! Herr Kommerzienrat.«


10.

»Werde nicht mankieren!« rief ihm der Kommerzienrat Bolnau mit jammervollen Mienen nach. »Der hat Verdacht!« sprach er zu sich. »Der weiß etwas von dem Wort der Sängerin. Zwar sie soll wiederhergestellt sein; aber kann nicht der Verdacht im Herzen dieses Polizisten um sich fressen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, so wird es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; und doch lebte ich still und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!«