Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an ihrer Seite nahm der hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig dagesessen hätte. Auch die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.
»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelassen, »da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose! Auch Sie hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor fünfzig Jahren. Gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr Bacchus, daneben!«
»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen an und tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter, und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase, die man mit Luft füllt.
»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel und Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich freundlich verneigte. »Seid Ihr noch immer solch ein loser Schäker, Herr Petrus? Ich weiß von keinem Schatz nicht, und Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in Verlegenheit setzen.« Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte, und trank ein mächtiges Paßglas aus.
»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen Aeuglein zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere dich doch nicht so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan schon seit zweihundert Herbsten; und daß ich dich noch heute vor allen anderen liebe, soll ein feuriger Kuß auf deine rosigen Lippen beweisen.«
Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das junge Volk hier nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem sie sich halb zu ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte der Weingott sein Schürzenstipendium nebst Zinsen eingenommen. Dann leerte er seinen Humpen wieder und ward um zwei Fäuste breiter und größer und hub an mit einer rauhen Weinstimme zu singen:
Vor allen Schlössern dieser Zeit
Lob' ich ein Schloß zu Bremen,
An seinen Hallen hoch und weit
Darf sich kein Kaiser schämen;
Gar seltsam ist es ausstaffiert,
Mit schmuckem Hausrat ausgeziert,
Doch hat daselbst vor allen
Eine Jungfrau mir gefallen.
Ihr Auge blinkt wie klarer Wein,
Ihre Wangen sind nicht bleiche,
Wie prächtig ihre Kleider sein,
Von lauter schwerem Zeuge;
Von Eichenholz ist ihr Gewand,
Von Birkenreifen ihre Band',
Das Mieder das sie zieret,
Mit Eisen ist geschnüret.
Doch ach, man hat ihr Schlafklosett
Mit Riegeln wohl versehen,
Dort schlummert sie im Rosenbett,
Und ich muß draußen stehen;
Drum poch' ich an die Kammertür:
Steh auf, mein Schatz, und komm herfür,
Damit ich mit dir kose,
Mach' auf, herzliebe Rose.
So steig' ich jede Mitternacht
Zu ihrer Kammer nieder;
Nur einmal hat sie aufgemacht,
Jetzt will sie nimmer wieder;
Und seit ich einmal sie geküßt,
Mein Herz von Sehnsucht trunken ist,
Nur einmal, Rosamunde,
Küß' mich, daß es gesunde.