»Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flötenspieler ist,« sagte der Vetter, indem er Anna schärfer ansah; denn schon war er so eifersüchtig auf seine schöne Base geworden, daß ihm die süßen Töne vom Wald her und ihr Tuch, das sie noch immer aus dem Fenster hielt, in Wechselwirkung zu stehen schienen.

»Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verraten,« erwiderte sie lächelnd, indem sie das Tuch zurücknahm. »Das ist ein munterer Jägerbursche, der seinem Mädchen einen guten Abend spielt.«

»Dazu ist aber die Entfernung doch beinahe zu groß,« fuhr er fort, »manche Töne werden nicht ganz deutlich.«

»Im Dorf unten hört man es besser als hier oben«, sagte sie gleichgültig und schloß das Fenster; »überdies sagt ja das Sprichwort: ›Das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des Argwohns.‹«

»Schön gesagt,« rief der junge Mann, »doch das Auge des Argwohns sieht weiter als das der Liebe.«

»Sie haben recht,« entgegnete sie, »aber nur bei Tag, nicht bei Nacht.«

Diese, wie es schien, ganz absichtslos gesagten Worte überraschten den jungen Mann so sehr, daß er beschämt die Augen niederschlug. Er warf sich seine Torheit vor, daß er nur einen Augenblick glauben konnte, es sei ein Liebhaber dieses arglosen Kindes, der dort im Walde musiziere.

»Und nun gute Nacht, Vetter,« fuhr Anna fort, indem sie eine Kerze ergriff. »Träumen Sie etwas recht Schönes, man sagt ja, der erste Traum in einem Hause werde wahr; Hans! leuchte dem Herrn Baron ins rechte Turmzimmer! Und dies noch,« setzte sie auf französisch hinzu, als der Diener näher trat, »vermeiden Sie, mit meinem Vater über Dinge zu sprechen, die ihn so tief berühren. Er ist sehr heftig, doch gilt sein Zorn nie der Person, sondern der Meinung. Es war meine Schuld, daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, morgen will ich nähere Instruktionen erteilen. – Gute Nacht!«

Sinnend über dieses sonderbare und doch so liebenswürdige Wesen folgte der Gast dem Diener, und die dumpf hallenden Gänge und Wendeltreppen, das vieleckige, in wunderlichen Spitzbogen gewölbte Gemach, das altertümliche Gardinenbette, so manche Gegenstände, die er sonst so aufmerksam betrachtet hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf seine Seele, die nur eifrig beschäftigt war, den Charakter und das Benehmen Annas zu prüfen und zu mustern.