Der junge Mann hielt inne in seiner Beschreibung, als er sah, daß seine Zuhörerin lächelte. »Du findest vielleicht diese Züge unwahr,« sagte er, »weil sie auf heute nicht mehr passen, und doch versichere ich –«

»Mir fiel nur,« erwiderte sie, »als du dies das Bild eines schwäbischen Landjunkers nanntest, jenes Buch ein, das beinahe mit denselben Zügen einen Landjunker in – Pommern schildert. Du versetzest nun dieses Bild in mein Vaterland, in dieses Schloß sogar; sonderbar ist übrigens, daß beinahe kein Zug mehr zutrifft. In dem gut gemalten Bilde eines Jünglings muß man sogar die Züge des Greises wiedererkennen, doch hier –«

»Das wollte ich ja eben sagen; ich fand den Onkel so ganz und durchaus anders, daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie er einst jener muntere, naive Junge habe sein können.«

»Ich spreche ungern mit Männern über Männer, ich meine, es passe nicht für Mädchen,« nahm Anna das Wort; »über meinen Vater vollends habe ich nie – beinahe nie gesprochen,« setzte sie errötend hinzu, »doch mit dir will ich eine Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater nicht anders, als wie er jetzt ist; es ist möglich, daß er vor dreißig Jahren etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche Schule er ging! Alles, alles, was ihm einst lieb und wert war, hat diese furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinst du, jene Verhältnisse, so sonderbar und unnatürlich sie vielleicht erscheinen, seien ihm nicht teuer gewesen? Wie oft, wenn die alten Herren in der vormaligen Reichsritterschaft im Saal waren und sich besprachen über die gute alte Zeit, wie oft hätte ich da weinen mögen, aus Mitleid mit den Greisen, die sich nun so schwer in diese neuen Gestaltungen finden!«

»Aber ging es ganz Europa besser? Denke an Spanien, Frankreich, Italien, Polen und das ganze Deutschland,« erwiderte der Gast.

»Ich weiß, was du sagen willst,« fuhr sie eifrig fort; »man soll über dem Unglück und der Umwühlung eines Weltteils so kleine Schmerzen vergessen; aber wahrlich, so weit sind wir Menschen noch nicht. Auf diesen Standpunkt erhebe sich, wer kann, und ich meine, er wird auch in seiner Großherzigkeit wenig Trost, weder für sich noch für das Allgemeine finden. Und ich möchte überdies noch behaupten, daß unter allen, die überall gelitten haben, vielleicht gerade diese Ritterschaft nicht am wenigsten litt. Andere Wunden, die man nur dem Vermögen schlägt, heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, sondern im Namen gesetzlicher Gewalt, so alte, lang gewöhnte Bande zersprengt, und Formen, die auf ewig gegründet schienen, zertrümmert werden, das eine Stück hierhin, das andere dorthin gerissen – werden die teuersten Interessen in innerster Seele verwundet. Wenn so die alten Hauptleute und Räte der Ritterschaft, einige Komture und deutsche Ritter um die Tafel sitzen, so glaubt man oft Gespenster, Schatten aus einer anderen Welt zu sehen. Doch wenn man bedenkt, daß dies alles, was sie einst erfreute, so lang vor ihnen zu Grabe ging, und diese Titel von der jungen Welt nicht mehr verstanden werden, so kann man mit ihnen recht traurig werden.«

»Es ist wahr,« bemerkte der Gast, »und man muß gerecht sein; sie wurden von früher Jugend in der Achtung und im ritterlichen Eifer für jene alten Formen erzogen, glänzten vielleicht eben im ersten Schimmer einer neuen Amtswürde, als das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und wie schwer ist es, alten Gewohnheiten zu entsagen, alte Vorurteile abzulegen!«

»Um so schwerer,« setzte Anna hinzu, »wenn man ein Recht und gesetzliche Ansprüche darauf zu haben glaubt. Hätte man jene Bande sanft gelöst, man würde sich nach und nach gewöhnt haben; so aber war es das Werk eines Augenblicks. Vermögen, Ansehen und Würden gingen zugleich verloren, und mancher wurde geflissentlich gekränkt. So wurde der Unmut über die Veränderung zur Erbitterung. Der Vater hat oft erzählt, wie sie ihm an einem Tage alle Familienwappen von den Wänden gerissen, das Vieh geschätzt, Pferde weggeführt, die Braupfannen versiegelt und für Staatseigentum erklärt haben; die Mutter war krank, der Vater außer sich gebracht durch höhnische Behandlung der neuen Beamten, und um das Unglück vollkommen zu machen, legten sie fünfundsiebzig Franzosen in dieses Schloß, die nicht plündern, aber ungestraft stehlen durften, und wenn sie weiter zogen, nur ebensoviel neuen Gästen Platz machten.«

»Wahrhaftig!« rief Albert, »ein solches Schicksal hätte wohl auch den fröhlichsten Junker ernst machen müssen!«

»Wie es ging, weiß ich nicht; nur so viel nahm ich mir aus den Gesprächen ab, daß er seit jener Zeit ganz verändert sei. Er hielt sich meistens zu Hause, las viel und studierte manches. Er gilt jetzt in der Gegend für einen Mann, der viel weiß, und muß in manchen Fällen Rat geben. Doch um auf die Instruktionen zu kommen, die ich dir erteilen wollte, so kannst du sie aus dem, was ich dir erzählte, selbst abnehmen. Berühre nie die früheren politischen Verhältnisse, wenn du ihn nicht wehmütig machen willst, sprich nie von dem Kaiser –«