»Ich gebe zu,« antwortete der General mit Ruhe, »daß man im Volk, vielleicht auch unter Politikern, also spricht und sprechen darf. Niemals aber darf der Soldat diese Sprache führen, um eine schlechte Tat zu beschönigen. Es gibt manche glänzende Verrätereien in der Geschichte; die Zeiten, wo sie begangen wurden, waren vielleicht mit der Gegenwart so sehr beschäftigt, daß man die Verräter gepriesen hat; aber die Nachwelt, welche die Gegenstände in hellerem Lichte sieht, hat immer gerecht gerichtet und manchen glänzenden Namen ins schwarze Register geschrieben. Auch die Sache des Kaisers wird die Nachwelt führen. So viel ist aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo es Soldaten gibt, einer, der seine Fahne verläßt, immer für einen Schurken gelten wird.«
»Ich gebe dies zu,« erwiderte Rantow, »nur sehe ich nicht ein, wie dies den übereilten Zug nach Rußland entschuldigen könnte.«
»Meinen Sie denn, der Zustand Preußens sei uns so unbekannt gewesen?« fragte der General; »man wußte so ziemlich, wie es dort aussah. Ich war von Mainz bis Smolensk im Gefolge des Kaisers und namentlich in deutschen Provinzen oft an seiner Seite, weil ich die Gegenden kannte, und manchmal in seinem Namen Fragen an die Einwohner tun mußte. In den preußischen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die Haltung und das Ansehen der jungen Leute auf. Das ganze Land schien von Beurlaubten angefüllt, und doch waren es immer nur die jungen Männer, die hier geboren und erzogen waren. Die Haare waren ihnen militärisch verschnitten, ihre Haltung war aufgerichtet, geregelt; sie standen selten wie faule, müßige Gaffer da, wenn der Kaiser und sein Gefolge vorüberzog. Nein, sie machten Front, wenn sie ihn sahen, die Füße standen eingewurzelt, der linke Arm straff angezogen und an die Seite gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung, und die rechte Hand machte ihren Soldatengruß. Es waren dies keine Bauernbursche mehr, sondern Soldaten, und der Kaiser wußte wenigstens, daß nicht die ganze preußische Armee mit ihm ziehe.«
»Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in seinem Rücken,« bemerkte Rantow.
»Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, ist etwa eine beleidigte Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von Ehrgefühl. Das preußische Heer hatte sich mit der großen Armee vereinigt, und sobald dies geschehen war, stand sie unter dem Oberbefehl des ersten Kriegers dieser Armee; in dieser Eigenschaft hatten wir weder von ihnen noch von den Zurückgebliebenen etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräsentanten dieser Fahnen, band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus diesem natürlichen Gesichtspunkt betrachten wollen, so werden Sie am Betragen des Kaisers bei Beginn jenes unglücklichen Feldzuges nichts Uebereiltes oder Unkluges finden.«
»Das preußische Heer, das gezwungen mit ausrückte,« erwiderte der junge Mann, »gehörte nicht diesem Kaiser der Franzosen, sondern seinem rechtmäßigen König, und in demselben Augenblick, als dieser sie ihrer Pflichten gegen jenen ersten Krieger entband –«
»Konnten sie gegen uns selbst die Waffen richten,« fiel der General ein; »da haben Sie vollkommen recht; sie konnten ihre Karrees bilden, uns den Gehorsam weigern und, im Fall des Zwanges, Feuer auf unsere Kolonnen geben, sie konnten sich im Angesicht der Armee mit den Russen vereinigen, sie durften dies alles tun –«
»Nun ja – das war es ja eben, was ich meinte. –«
»Nein, Herr! Das war es nicht,« fuhr jener eifrig fort. »Nur erst, verstehen Sie wohl, nur dann erst, wann ihr König sie ihres Eides entband, konnten sie den Gehorsam verweigern, sie mußten es sogar, auch auf die Gefahr hin, zu Grunde zu gehen. Solange dies nicht der Fall war, handelten sie, wenn sie feindlich auftraten, als Verräter an ihrer Ehre und sogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die Befehlshaber gewählt hatte, bürgte gleichsam für ihr Betragen.«
»Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,« erwiderte Rantow, »so hat wenigstens die Armee immerhin ihre Pflicht getan.«