»Und wofür denn dieses alles?« fragte der alte Soldat. »Wozu so große Aufopferungen, was hat man damit erreicht und errungen? Ließ sich dies alles nicht voraussehen?«
»Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite erreicht und errungen? Das ist einmal das Schicksal alles menschlichen Lebens und Treibens, daß man kämpft, sich hingibt, aufopfert, um am Ende nichts oder wenig zu erreichen. Zwanzig Jahre haben Sie jenem Mann geweiht, jenem Eigensüchtigen, der nur sich und immer nur sich bedachte. Jetzt liegt er auf einem öden Felsen, seine Genossen sind zerstreut, aufgerieben – was, was haben denn Sie gewonnen?«
»Ein Endchen rotes Band und die Erinnerung,« antwortete er lächelnd, indem er mit einer Träne im Auge auf seine Brust herabsah. Es lag etwas so Ergreifendes, Erhabenes in dem Wesen des Mannes, als er diese Worte sprach, daß Rantow, errötend, als hätte er eine Torheit gesagt, seine Augen von ihm abwandte und betreten den Sohn ansah. Doch dieser schien nicht auf das Gespräch zu merken, er blickte unverwandt und eifrig auf ein kleines Gebüsch am Fluß, von welchem man eben das Plätschern eines Ruders vernahm; jetzt teilten sich die Zweige der Weiden, und ein schöner Mädchenkopf bog sich lächelnd daraus hervor.
7.
»Unsere schöne Nachbarin!« rief der General freundlich und eilte auf sie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer folgten, und mittels seiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow zu seinem nicht geringen Vergnügen, daß es Anna sei, die hier so plötzlich, gleich einer Najade, aus dem Fluß auftauchte. Der General küßte sie auf die Stirne und bot ihr dann den Arm, sie grüßte seinen Sohn kurz und freundlich, fragte flüchtig nach des Generals Schwester und verweilte dann mit einem Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gast. »Du hier, Vetter Albert?« rief sie, indem sie ihm die Hand bot. »Nun das muß ich gestehen, für so klug hätte ich dich nicht gehalten, deinen schönen Verstand in Ehren, daß du sogleich die angenehmste Gesellschaft in der ganzen Gegend auffinden würdest; welcher Zauberer hat dich denn hieher gebracht?«
»Mein Sohn,« sagte der General, »hatte das Glück, Ihren Vetter auf seiner kleinen Reise kennen zu lernen, und fand ihn jenseits in Ihrem Forst –«
»Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,« fuhr Rantow fort, »wo ich schon wieder wie gestern das Unglück hatte, zu streiten und immer heftiger zu widersprechen. Du lächelst, Anna? Aber es ist, als brächte es hier das Klima so mit sich; zu Hause bin ich der friedfertigste Kerl von der Welt, habe vielleicht in zwei Jahren nicht so viel disputiert als hier in zwei Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der Herr General oder mein Onkel, in Streit?«
»Ist es möglich?« fragte der General, »mit Herrn von Thierberg, mit Ihrem Vater, Aennchen, kommt er in Streit? Ich dachte doch, da Sie mit mir in politischen Ansichten so gar nicht übereinstimmen, Sie müßten von Ihres Oheims Grundsätzen eingenommen sein.«