»Ist er frei?« unterbrach ihn Anna.
»– und seinen Sohn mitbringen werde, der auf sein Ehrenwort und die Kaution, die der Herr General gestellt habe, aus der Haft entlassen worden sei.«
In Annas Augen drängten sich Tränen, sie zitterte heftig und setzte sich nieder; der alte Thierberg, durch diesen Anblick überrascht, preßte die Lippen zusammen und blickte seine Tochter unwillig an, und Albert, der in den Zügen seines Oheims las, daß jener ein Geheimnis ahne, dessen Teilnehmer er bis jetzt allein gewesen war, fühlte sich befangen; er fürchtete für Anna, und erst in diesem Augenblicke wurde es ihm deutlich, daß es für ihn selbst besser gewesen wäre, sich nie in diese Angelegenheit zu mischen. »Ich lasse dem Herrn General danken und Glück wünschen,« sagte nach einer peinlichen Pause Herr von Thierberg zu dem Grenadier und winkte ihm, zu gehen. »Wünsche nur,« fuhr er fort, indem er auf der Terrasse mit heftigen Schritten auf und ab ging, »wünsche nur, daß die paar Wochen Gefängnis eine gute Wirkung auf den Herrn Weltstürmer gehabt haben mögen! Ein paar Monate hätten nicht schaden können, wäre es auch nur gewesen, um das heiße Blut abzukühlen und die vorschnelle Zunge zu fesseln. Aber das alles ist das Erbteil seiner hochweisen Frau Mama! Ein junger Mann von unbeflecktem Adel hätte sich so weit nicht verirrt; aber das gewinnt man bei solchen Heiraten; weil sie sah, daß man in unserem Zirkel ihre Abkunft nicht vergessen habe, hat sie ihrem Sohn solche tollen, republikanischen Ideen eingeprägt und ihn zu einem Toren, wo nicht zu einem verderblichen Menschen gemacht.« Diese und andere Worte stieß er schnell und heftig aus, und plötzlich blieb er vor seiner Tochter stehen, sah sie mit grimmigen Blicken an und sagte dann: »Ich glaube jetzt in der Tat, daß du kränker bist, als ich dachte; geh auf dein Zimmer! – Ich werde mit dem Vetter diesen Abend allein speisen; geh!«
Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu sagen; sie mochte die Natur ihres Vaters kennen und wissen, daß jeder Widerspruch seinen Zorn steigere, sie mochte auch fühlen, was in diesem Augenblick in seiner Seele vorgehe, wo sie zu wenig Macht über sich besaß, um ihr Geheimnis zu verbergen.
Als sie weggegangen war, schritt der Alte wieder eine Zeitlang schweigend hin und her; dann trat er zu seinem Neffen und fragte mit bewegter Stimme: »Was sagst du zu dem Auftritt, den wir da gesehen haben? Meinst du wirklich, es wäre möglich?«
»Ich kann Sie nicht verstehen, lieber Oheim.«
»Nicht verstehen, Junge? So soll ich es denn selbst in den Mund nehmen? Wisse – ich habe entdeckt, daß Anna den – den von drüben – nun daß sie den Sohn des Generals liebt. Zum Teufel, Junge! Du erwiderst nichts? Wie magst du so – so gleichgültig aussehen, wenn von der Ehre deiner Familie die Rede ist? Rede!«
»Ich kann nichts hierin sehen,« entgegnete der junge Mann trotzig, »was etwa der Thierbergschen Ehre zu nahe treten könnte. Der alte Willi ist von Adel, ist ein berühmter General, ist reich –«