»Nun das ist es ja gerade, was ich sagte,« entgegnete jener; »diese Formen gewinnt keiner durch sich selbst, und dies ist also ein Fehler Ihrer Erziehung –«

»Vorausgesetzt, daß jene Formen wirklich so trefflich, daß sie das sind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor allem als nützlich und notwendig einzuimpfen ist.«

»Das soll es ja nicht; aber so auf dem Wege mitnehmen kann er sie doch wohl,« meinte der Fremde.

»Wenn er sie nur so mitnimmt, verliert er sie auch gelegentlich,« erwiderte der Schwabe. »Doch das ist nicht der Punkt, wovon wir sprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutschland unrecht, unsere Sitten und unsere Gesellschaft nach Leuten zu beurteilen, die der Gesellschaft eigentlich noch nicht angehört hatten, die vielleicht in die Welt geschickt wurden, um ihre Sitten abzuschleifen. Oder wollen Sie nach einigen jungen Gelehrten, die gerade aus der Studierstube zu Ihnen kamen und sich vielleicht ungeschickt in Sprache und Manieren zeigten, die Landsleute dieser Menschen beurteilen?«

»Gewiß nicht, aber gestehen Sie selbst, man hört doch selbst von der guten Gesellschaft in Schwaben so sonderbare Gerüchte von ihren Sitten und Gebräuchen, von ihren Frauen und Mädchen.«

»Vielleicht kaum so sonderbar,« versetzte der Jäger lächelnd, »als man bei uns von den Sitten Ihrer Damen hört; denn unsere Mädchen stellen sich die norddeutschen Damen gewiß immer mit irgend einem gelehrten Buche in der Hand vor. Die zweite Quelle des Irrtums über mein Vaterland sind aber Ihre reisenden Landsleute und die eigentümlichen Verhältnisse unseres Familienlebens. In Norddeutschland fällt es nicht schwer, in Familienkreisen Zutritt zu bekommen, durch einen Bekannten zehn zu erwerben. In Schwaben ist es anders; man ist heiter, gesellig unter sich, der Fremde wird als etwas Fremdes angestaunt, aber eher vermieden als eingeladen, doch werden Sie für diese scheinbare Kälte immer eine Entschädigung finden. Ihre Landsleute öffnen die Tür, aber selten das Herz; meine Schwaben sind vorsichtiger, aber sie schließen sich an den, welchen sie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an, die Sie bei künstlich verfeinerten Sitten umsonst suchen.«

»Und also liegt eine zweite Quelle unserer Vorurteile,« fragte der Fremde, »darin, daß meine Landsleute eigentlich gar nicht in Ihren Kreisen einheimisch wurden?«

»Gewiß!« sagte der Nachbar. »Lernen Sie, wenn Ihnen das Glück wohlwill, in die Kreise unserer bessern Stände zu kommen, lernen Sie uns näher kennen, lassen Sie sich nicht durch Ihre eigenen Ansichten über Leben und Sitte durchaus leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches Völkchen finden, gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite anschlägt, sich mit den Gebildetsten zu messen, vernünftig genug, um die Grenzen guter Sitten festzuhalten und das Lächerliche der Unsitte zu belächeln.«

Der Fremde aus der Mark lächelte. »Er liebt sein Land,« dachte er, »und er verteidigt es mit Wärme, weil er es nicht sinken lassen will oder Besseres nie gesehen hat.« Er entschuldigte bei sich die warme Verteidigung des Schwaben, aber dennoch konnte er es sich nicht versagen, einen kleinen Triumph über jenen zu feiern. Er machte ihn mit der Geläufigkeit der Zunge und jener Uebung, über ein Nichts schnell und vieles zu sprechen, – die man im Norden unseres Vaterlandes häufiger als im Süden treffen soll – auf andere große Vorzüge aufmerksam, welche die nördlichen Provinzen Deutschlands vor den südlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftsteller und Dichter seiner Heimat gegen einen im Süden, und der Schwabe konnte endlich dem Schwall seiner Beredsamkeit nur dadurch Einhalt tun, daß er, als sie um eine Ecke der Landstraße bogen, auf die erhabenen Ruinen von Heidelberg hinwies; der Fremde betrachtete sie staunend und mit Entzücken. Ihre rötlichen Steinmassen waren von der sinkenden Herbstsonne noch höher gerötet, und der Abend ließ die Bäume und Gesträuche, die in den verfallenen Mauern wachsen, im dunkelsten, wundervollsten Grün erscheinen. Durch die hohen, offenen Fensterbogen blickte der schwärzliche Wald hervor, den Gipfel des Berges umzog jener duftige Schleier, welcher allen Gegenständen so eigenen geheimnisvollen Reiz verleiht, und von oben herab spiegelten sich die rötlichen Abendwölkchen und der dunkelblaue Himmel in den Fluten des Neckars.

»Und haben Sie solche Poesie in der Mark?« fragte der Jäger mit gutmütigem Lächeln.