12.
Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren Zeit an, aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll geordnet, daß Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die nächsten Umgebungen gemustert und alles recht genau angesehen hatte, dieses Zimmer für das schönste im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiste, von schlechtem Holz zusammengezimmert, die auf einer Kommode stand, schien ihm nicht mit den übrigen Gerätschaften zu harmonieren. So ungerne er die beiden Liebenden, die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft, eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde, zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu groß, als daß er nicht seine Base darüber befragt hätte.
»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das Bild für Ihren Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe es hierhergestellt, weil mein Vater nie hierher kommt, und weil ich es doch auch betrachten wollte.« Sie rückte unter diesen Worten den Deckel des Schranks, Willi half ihn herabnehmen, und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden Pferd eine Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar.
»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen Züge aus der Leinwand entgegensprangen.
»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der Sieger von Italien!«
»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen könnte,« bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer Maler. Wie edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der Einfall, diesen hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden Stellung eines Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung aufzufassen, die einen mächtigen Willen und doch eine so erhabene Ruhe in sich schließt.«
»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der Galerie zu Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich; für Liebhaber des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre, gewinnt dieses Gemälde um so höheres Interesse, als die Idee dazu von Napoleon selbst ausging. Man sagt, David habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der Hand, auf dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; ich will ruhig gemalt sein – auf einem wilden Pferde.‹«
»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht mir das Bild um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie hinzu, »auch dein Vater soll durch seine Originalität nur noch mehr erfreut werden.«
»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte Stimme. Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf seinen Diener gestützt, stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht und zitternd vor ihnen; der General, welcher seitwärts stand, schien verlegen und ängstlich. Aber so schnell war dieser Schreck, so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater und so furchtbar sein Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte der General sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken.