»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so beleidigt zu sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen? Ohne meinen Willen kam ich in jenes Haus; ich verließ es, als ich sah, was dort meiner warte.‹
»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege, dich zu retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend Franken, sei es in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach Paris; sonst weiß morgen die ganze Stadt mehr von dir, als dir lieb ist.‹ Ich war außer mir. ›Wer gibt dir dieses Recht, mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich. ›Wohlan! sage der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse dieses Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹
»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief mir nach, packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach er, ›dein Vater, Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen tönte aus seinem Mund, der Schein der Kerze fiel auf ein Paar graue, stechende Augen, die mir nur zu bekannt waren. In demselben Moment war mir klar, wen ich vor mir hatte; ich wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war, das er zu irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine Maske abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich, ›aber Ihr sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben müssen.‹ – ›So weit sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er, und in demselben Augenblick fühlte ich sein Eisen in meiner Brust, ich glaubte zu sterben –«
Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute ihm, wie wenn man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er glaubte, das heisere Lachen dieses Teufels zu hören, er glaubte, hinter den Gardinen des Bettes die grauen, stechenden Augen dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie glauben also,« sagte er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot ist, daß es derselbe ist, der Sie ermorden wollte?«
»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das ich Ihnen gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern seines Namens sind dort eingezeichnet.«
»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf ich alles, was Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?«
»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor, Sie gehen zu Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er wird Ihnen glauben, er kannte ja auch Seraphine.«
»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat fort, »wie der Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?«
»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.«
»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron Martinow? Ist er nicht in …schen Diensten?«