»Hallo, sa! sa! trinkt! Junker, trinkt!« rief der Geächtete und lachte, daß die Höhle dröhnte. »Aus bis auf den Boden, aus! Sie soll blühen und leben für Euch! Das hast du gut gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse er schon ihren Mund. – Dürft Euch nicht schämen! Auch ich habe geliebt und gefreit, und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zu Mute ist!«

»Armer Mann!« sagte Georg. »Ihr habt geliebt und gefreit und mußtet vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen?« Er fühlte sich, während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den Jüngling gereuten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg, indem er sagte: »Der Frost im September hat schon oft verderbt, was im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht, wie es geschehen sei. Meine Kinder habe ich in den Händen rauher, aber guter Ammen gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt.« Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er mit der Hand über die Stirne, und wirklich glätteten sich die Falten, die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich; er blickte wieder heiterer um sich her und sprach:

»Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht habe, Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzählt, wo man Euch wahrscheinlich für einen der Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen.«

»Das soll mir lieb sein,« antwortete Georg. »Ich möchte fast glauben, man hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn diesem paßten sie damals auf; und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde.«

»Ei, das ist doch viel. Wisset Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch geführt wurde, ebenso gut tödlich werden konnte?«

»Wer zu Feld zieht,« entgegnete Georg, »der muß seine Rechnung mit der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner, in einer Feldschlacht vor dem Feinde bleiben, wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. – Aber doch wäre ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen, um die Streiche dieser Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.«

Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand. »Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog zu nehmen,« sagte er, indem er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, »das hätte ich kaum gedacht; man sagte mir, Ihr seiet bündisch.«

»Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs,« antwortete Georg, »aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Seht, der Herzog hat manches getan, was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hätte er unterlassen können. Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst gestehen, er ließ sich doch zu sehr vom Zorne bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf –«

Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann, fortzufahren. »Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bündisch wurde, so und nur etwas stärker sprach man von ihm im Heere. Aber eine große Fürsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch vielleicht bekannt, daß ich mich auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt sehen kann, oder auch, weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute, – ich sah, daß dem Herzog zu viel geschehe; denn der Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen und sogar von seinem Fürstenstuhl zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen. Er hätte ja vielleicht noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte können den Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit halten, aber er war größer als sein Unglück. Seht – das hat mich zu seinem Freunde gemacht.«

Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher zu schlagen, seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an und drückte seine Hand an sein pochendes Herz. »Wahrlich,« sagte er, »es lebt eine heilige, reine Stimme in dir, junger Freund! Ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie du sagtest, er ist größer als sein Unglück und – besser, als der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben! Ach, daß er nur hundert gehabt hätte, wie du bist, und es hätte kein Fetzen der bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht. Daß du sein Freund werden könntest! Doch es sei ferne von mir, dich einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen, es ist genug, daß deine Klinge und ein Arm wie der deinige nicht mehr seinen Feinden gehört. Mögen deine Tage heiterer sein als die seinigen, möge der Himmel dir deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!«