Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurück; er wunderte sich, wie alles so ganz anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals durch den Schönbuch nach der Heimat zog, denken können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie hätte er, als er sich an das Bundesheer anschloß, ahnen können, daß der Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück, wo es ihm zuerst wieder möglich geworden war, der Geliebten ein Wörtchen der Liebe zuzuflüstern, wo er die Schreckenskunde vernahm, daß ihr Vater, ein Feind des Bundes, sie mit sich hinwegführen werde; wo er in Berthas Garten die unglücklichste Stunde seines Lebens im schmerzlichen Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte. Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seine Erinnerung, und er mußte aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schönen Glauben an ein gütiges Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem düsteren Schleier verhüllt und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskuß auch ihm mitzuteilen wußte.
»Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube,« sprach der junge Mann, von der Erinnerung bewegt, zu sich; »es lebt eine heilige, ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem meinigen die Gewißheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkündete Glück, es wird sie auch jetzt nicht täuschen, wenn es ein süßes, ungestörtes Glück in unserer Verbindung liest.«
Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange Gedankenreihe, die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte. Es war Herr Dietrich von Kraft, der stattlich geschmückt zu ihm eintrat.
»Wie?« rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm und schlug voll Verwunderung die Hände zusammen, »wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitsgästen, die von Samt und Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet ruhig zum Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?«
»Dort liegt der ganze Staat,« erwiderte Georg lächelnd, »Barett und Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste zubereitet, aber Gott weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, daß ich dieses Flitterwerk an mich hängen solle. Dies Wams ist mir lieber als jenes schöne neue. Ich habe es in schweren, aber dennoch glücklichen Tagen getragen.«
»Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Bertha in diesem blauen Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig ward; aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tausend! Hätte ich nur mein lebelang solche Flitter. Ha, das weiße Gewand, mit Gold gestickt, und der blaue Mantel von Samt! Kann man was Schöneres sehen? Wahrlich, Ihr habt mit Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren braunen Haaren!«
»Der Herzog hat mir es zugeschickt,« antwortete Georg, indem er sich ankleidete, »mir wäre alles zu kostbar gewesen.«
»Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns in Ulm zu viel getan hat. An einem solchen Hofe ist es doch was anderes als in den Städten, und Herzog von Württemberg klingt auch schöner als Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht' ich nicht in seiner Haut stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit ihm.«
»Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr damals in Ulm groß tatet mit Eurer Politika, und wie Ihr regieren wolltet in Württemberg? Wie ist es denn jetzt?«