»Sell hot sein' Grund, Herr!« erwiderte die runde Frau; »wenn's Krieg geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi, do denkt er, mit grauße Herra ist's et guet Kirsche fressa.«
Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivität der runden Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, es half nichts, die Frau des Pfeifers sprach zu großer Ergötzung des Herzogs und seiner Gäste immer weiter, und das unauslöschliche Gelächter, das ihre Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen. Bärbele hatte indessen mit dem Deckel des Körbchens gespielt, sie hatte einigemal gewagt, ihre Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der Krankheit so oft an ihrem Busen geruht und in ihren treuen Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft heimlicherweise mit ihren Lippen berührt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie erhob ihre Blicke immer wieder von neuem, doch, wenn sie bis an seinen Mund gekommen war, schlug sie sie wieder – aus Furcht, seinem Auge zu begegnen – herab.
»Siehe, Marie,« hörte sie ihn sagen, »das ist das gute Kind, das mich pflegte, als ich krank in ihres Vaters Hütte lag, das mir den Weg nach Lichtenstein zeigte.«
Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand; das Mädchen zitterte, und ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie öffnete ihr Körbchen und überreichte ein Stück schöner Leinwand und einige Bündel Flachs, so fein und zart wie Seide. Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie küßte die Hand der jungen Frau, und eine Träne fiel herab auf ihren Ehering.
»Ei, Bärbele,« schalt Frau Rosel, »sei doch nicht so schüchtern und ängstlich. Gnädiges Fräulein – wollte sagen, gnädige Frau, habt Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so gut, er hat zweierlei Mut, heißt es im Sprichwort. Das Mädchen kann sonst so fröhlich sein wie eine Schwalbe im Frühling. –«
»Ich danke dir, Bärbele!« sagte Marie. »Wie schön deine Leinwand ist! Die hast du wohl selbst gesponnen?«
Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja! – zu sprechen schien ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein. Der Herzog befreite sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine noch größere zu ziehen. »Wahrhaftig, ein schönes Kind hat Hans der Spielmann,« rief er aus und winkte ihr, näher zu treten. »Hoch gewachsen und lieblich anzuschauen! Schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das rote Mieder und das kurze Röckchen gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst du nicht, Wir könnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch bei unsern Schönen in Stuttgart einführen?«
Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen Lächeln; er beschaute das errötende Mädchen mit seinen Aeuglein vom Kopf bis zu den Füßen. »Man könnte zum Grund angeben,« sagte er, »daß dadurch eine Elle in der Länge erspart würde. So gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren das Maß und Gewicht hat kleiner machen lassen, habt Ihr nach allen Regeln der Logika auch das Recht, dem Frauenzimmer die Röcklein zu verkürzen. Wäre aber damit nichts gewonnen, denn – hi, hi, hi! schaut nur, was dort wegfiele, müßten dann die hiesigen Schönen oben wieder ansetzen. Und wer weiß, ob sie sich gerne dazu verstünden? Sie gehören zum Geschlecht der Pfauen, und Ihr wißt schon, daß diese nicht gerne auf ihre Beine sehen.«
»Hast recht, Ambrosius,« lachte der Herzog. »Es geht doch nichts über einen gelehrten Herrn! Aber sag' einmal, Kind, hast du auch schon einen Schatz? einen Liebsten?«
»Ei was, Euer Durchlaucht!« unterbrach ihn die runde Frau, »wer wird so ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs Mädle, Herr Herzich!«