»Ach, geh doch!« entgegnete Bertha, indem sie ihm hocherrötend ihre Hand entreißen wollte; aber Herr Dietrich, dem sein Mühmchen noch nie so hübsch als in diesem Augenblick geschienen hatte, drückte die weiche Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und die Wagschale der fröhlichen Bertha, die jetzt in holder Verschämtheit vor ihm saß, stieg hoch in den Augen des glücklichen Ratsschreibers.
Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und Bertha ergriff mit Freuden diese Gelegenheit, ein anderes Gespräch einzuleiten.
»Da geht sie nun wieder,« sagte sie und sah Marien nach, »und ich wollte darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und weint. Ach, sie hat gestern wieder so heftig geweint, daß ich auch ganz traurig geworden bin.«
»Was hat sie nur?« fragte Dietrich teilnehmend.
»Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen erfahren,« fuhr Bertha fort. »Ich habe gefragt und immer wieder gefragt, aber sie schüttelt dann nur den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen wäre. ›Der unselige Krieg!‹ war alles, was sie mir zur Antwort gab.«
»So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach Lichtenstein zurückzugehen?«
»Jawohl,« war Berthas Antwort. »Du hättest nur hören sollen, wie der alte Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen schimpfte. Nun – er ist einmal seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm hingehen. Aber sobald der Krieg erklärt ist, will er mit ihr abreisen.«
Herr Dietrich schien sehr nachdenklich zu werden. Er stützte den Kopf auf die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu.
»Und denke,« fuhr diese fort, »da hat sie nun gestern nach dem Einritte der Bündischen so heftig geweint. Du weißt, sie war zwar vorher schon immer ernst und düster, und ich habe sie an manchem Morgen in Tränen gefunden. Aber als habe schon dieser Einzug über das ganze Schicksal des Krieges entschieden, so untröstlich gebärdete sie sich. Ich glaube, Ulm liegt ihr nicht so am Herzen, aber ich vermute,« setzte sie geheimnisvoll hinzu, »sie hat eine heimliche Liebe im Herzen.«