Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung Georgs bezeichnen, die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht über jene Dinge ändert. Und wie die düsteren Falten des Unmuts auf einer jugendlichen Stirne sich schneller glätten, wie selbst schmerzliche Eindrücke in des Jünglings Seele von freundlichen Bildern leicht verdrängt werden, so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an den Abend.
Man hat uns erzählt, daß unter die schönsten Stunden im Leben der Liebe die gehören, wo die Erwartung sich an schöne Erinnerungen knüpft. Der Geist sei da ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg fühlen. Er träumte von den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt sein werde, die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen und in ihrem Auge zu lesen.
6.
Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.
Uhland.
Wenn es möglich gewesen wäre, auf einem Trödelmarkt oder in der Auktion eines Antiquars ein »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, mit neuen Tanztouren vom Jahr 1519« aufzufinden, wir hätten nicht leicht so angenehm überrascht werden können, als durch einen Fund ähnlicher Art, den uns der Zufall in die Hände spielte.
Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel gekommen, das, um der Sage zu folgen, von einem Abendtanz handeln soll; da fiel uns auf einmal der Gedanke schwer aufs Herz, daß wir ja nicht einmal wissen, wie und was man in jenen Zeiten getanzt habe.
Wir hätten zwar schlechthin sagen können, »sie tanzten«, aber wie leicht wäre geschehen gewesen, daß eine unserer freundlichen Leserinnen einen Anachronismus gemacht und etwa Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen Kotillon hätte vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit stießen wir auf das sehr selten gewordene Buch: »Vom Anfang, Ursprung und Herkommen der Turniere im heiligen römischen Reich. Frankfurth 1564.« Wir fanden in diesem teuern Folianten unter andern trefflichen Holzschnitten einige, die einen solchen Abendtanz vorstellen, wie er zuzeiten Kaiser Maximilians, etwa ein Jahr vor dieser Historie, gehalten wurde.
Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen, daß der Abendtanz im Ulmer Rathaussaal sich in nichts von jenem Angeführten unterschied, und man wird sich den deutlichsten Begriff von einem solchen Vergnügen machen, wenn wir eines dieser Bilder beschreiben.