»Es wäre mir lieber, er schiene heute nacht nicht,« entgegnete sein Führer, indem er sich zuweilen besorgt umsah; »dunkle Nacht wäre besser für uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Doch jetzt steht er gerade über den Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat; es kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter.«
»Was schwatzest du da von einem Riesen, der auf dem Reissenstein gewohnt hat?«
»Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt,[20] das hat seine Richtigkeit; dort über dem Berg, gerade wo jetzt der Mond steht, liegt ein Schloß, das heißt der Reissenstein; es gehört jetzt den Helfensteinern; es liegt auf jähen Felsen, weit oben in der Luft, und hat keine Nachbarschaft als die Wolken und bei Nacht den Mond. Geradeüber von der Burg, auf einem Berge, worauf jetzt der Heimenstein steht, liegt eine Höhle, und darinnen wohnte vor alters ein Riese. Er hatte ungeheuer viel Gold und hätte herrlich und in Freuden leben können, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen außer ihm gegeben hätte. Da fiel es ihm ein, er wolle sich ein Schloß bauen, wie es die Ritter haben auf der Alb. Der Felsen gegenüber schien ihm gerade recht dazu.
»Er selbst war ein schlechter Baumeister; er grub mit den Nägeln haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie auf einander, aber sie fielen immer wieder ein und wollten kein geschicktes Schloß geben. Da legte er sich auf den Beurener Felsen und schrie ins Tal hinab nach Handwerkern; Zimmerleute, Maurer und Steinmetze, Schlosser, alles solle kommen und ihm helfen, er wolle gut bezahlen.
»Man hörte sein Geschrei im ganzen Schwabenlande, vom Kocher hinauf bis zum Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, und überallher kamen die Meister und Gesellen, um dem Riesen das Schloß zu bauen. – Reitet aus dem Mondschein, Junker, hierher in den Schatten; Euer Harnisch glänzt wie Silber und könnte leicht den Spürhunden in die Augen glänzen!
»Nun, um wieder auf den Riesen zu kommen, so war es lustig anzusehen, wie er vor seiner Höhle im Sonnenschein saß und über dem Tal drüben auf dem hohen Felsen sein Schloß bauen sah; die Meister und Gesellen waren flink an der Arbeit und bauten, wie er ihnen über das Tal hinüber zuschrie; sie hatten allerlei fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm, weil er von der Bauerei nichts verstand. Endlich war der Bau fertig, und der Riese zog ein und schaute aus dem höchsten Fenster aufs Tal hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt waren, und fragte sie, ob ihm das Schloß gut anstehe, wenn er so zum Fenster hinausschaue. Als er sich aber umsah, ergrimmte er, denn die Meister hatten geschworen, es sei alles fertig, aber an dem obersten Fenster, wo er heraussah, fehlte noch ein Nagel.
»Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten: es habe sich keiner getraut, vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel einzuschlagen. Der Riese aber wollte nichts davon hören, sondern zahlte den Lohn nicht aus, bis der Nagel eingeschlagen sei.
»Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Burschen vermaßen sich hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, den Nagel einzuschlagen; wenn sie aber an das oberste Fenster kamen und hinausschauten in die Luft und hinab in das Tal, das so tief unter ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da schüttelten sie den Kopf und zogen beschämt ab. Da boten die Meister zehnfachen Lohn, wer den Nagel einschlage, und es fand sich lange keiner.
»Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die Tochter seines Meisters lieb, und sie ihn auch, aber der Vater war ein harter Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der faßte sich ein Herz und dachte, er könne hier seinen Schatz verdienen oder sterben; denn das Leben war ihm verleidet ohne sie. Er trat vor den Meister, ihren Vater, und sprach: ›Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn ich den Nagel einschlage?‹ Der aber gedachte seiner auf diese Art loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals breche, und sagte ja.