»Was geht es uns an?« murmelten die Gäste unmutig, »wir sind friedliche Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern anders werden. – Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt sein.« So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, daß ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten und sagte: »Es war nur zur Erinnerung, daß wir den Herzog fürder nicht mehr brauchen; mein' Seel', mir ist er wie Gift und Operment, darum gefällt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn gemacht hat;[27] ich will es einmal singen.« Die Bürger sahen finster vor sich hin und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglücklichen Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme:

»Vater Unser,
Reutlingen ist unser:
Der du bist,
Eßlingen hat nicht lange Frist.
Geheiligt werde dein Nam',
Heilbronn und Weil wollen wir han;
Zukomm' uns dein Reich,
Ulm sieht uns auch gleich;
Dein Will' geschehe,
Die Münz hat gereit ein anderes Geprähe;
Unser täglich Brot,
Wir haben Geschütz für alle Not;
Gib uns heut, und vergib uns unsere Schuld,
Wir haben des Königs in Frankreich Huld;
Als wir vergeben unseren Schuldigern,
Wir wollen dem Bund das Maul zusperr'n!
Laß uns nicht versucht werden,
Wir wollen bald Kaiser werden.
Sondern erlös' uns vom Uebel. Amen.
So behalten wir des Kaisers Namen.«

Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnörkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die Bürger einander heimlich anstießen und über die jämmerlichen Töne des Sängers die Achsel zuckten. Er aber schaute stolz in dem Kreise umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhörer den gerechten Beifall lesen.

»Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen,« sagte der Zerlumpte; »so fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch ein neues Lied und will es mit Eurem Verlaub singen.«

Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber nickten ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb zuschloß, aber doch hin und wieder auf den jungen Mann hinüberschielte, als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:[28]

»O weh, wo bleibet deine Kraft,
Württemberg, du arme Landschaft;
Ich klag' dich billig hart und sehr,
Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.

Der zu Nürnberg die Wetschger macht,
Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,
Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,
Von Ravensburg die Krämer all.

Von Rotweil die neuen Schweizerknaben
Wollten der Gans auch ein Feder haben,
Und der Schneider von Memming ist in der Sach'
Und auch der Kürschner von Biberach.«

Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten über den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blicke auf die Gesellschaft; man war ungewiß, ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.

Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort: