Und im Wald er sich zum Hutten wandt':
›Was flimmert dort an deiner Hand?‹ –
›Herr Herzog, 's ist ein Ringelein,
Das hab' ich von meiner Liebsten fein.‹

›Ei, Hans, du bist ein stattlich Mann,
Hast auch ein gülden Kettlein an!‹ –
›Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,
Zum Zeichen, daß sie mein gedenkt.‹

Dann heißt es weiter:

O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,
Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,
O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,
Er reißt das Schwert schon aus der Scheid'.«

»Laßt es lieber gut sein,« unterbrach ihn der fette Herr mit ernster Miene; »es ist nicht gut, daß man in solchen Zeiten dies Lied in der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr nützen, und die Bündischen sind rings um uns; es könnte leicht einer etwas davon hören,« setzte er mit einem stechenden Blick auf Georg hinzu, »und dann hieße es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden Brandsteuer mehr.«

»Weiß Gott, Ihr habt recht,« sagte der Zerlumpte; »es ist nicht mehr wie früher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim Wein in der Trinkstube; da muß man immer umschauen, ob nicht dort ein Herzoglicher und auf der andern Seite ein Bündler sitzt; aber den letzten Vers will ich noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund:

Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,
Gar breit in den Aesten und hoch gestalt't;
Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn;
Dort hing der Herzog den Hutten dran.«

Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster herab, und Georg glaubte zu bemerken, daß sie über ihn ihre Glossen machten. Auch die freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch über den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr bescheiden, über das Woher? und Wohin?

Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen Zweck seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gespräch der Gäste an der langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es hier nicht minder gefährlich sei, zu gar keiner Partei zu gehören, als sich für irgend eine bestimmt zu erklären, er sagte daher, er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden, als daß sie sich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirtin zum goldenen Hirsch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides beschreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen.

Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen und schob die Schüssel weit hinweg, um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen.